Volltext: "Götter wandelten einst..."

   
gen, zugleich auch den Heroldsstab, das Attribut des Gótterboten. Argus 
scheint noch dem Spiel der Flóte hingegeben. Doch schon hángt der rechte 
Arm kraftlos zur Seite und verrit den nahenden Schlaf. Wáhrend Merkur 
lebhaft die Beine spreizt, um rittlings über dem Stein zu sitzen, hält Argus 
die seinen geruhsam übereinandergeschlagen.® Auch der ihn begleitende 
Hund, der hinter ihm im dichten Blattwerk liegt, ahnt das bevorstehende 
Unheil nicht. 
Der holländische Maler und Kunstschriftsteller Karel van Mander 
(1548—1606) interpretiert in seinen Uyflegghinghe op den Metamorphoseon, den 
Deutungen der Metamorphosen, «Io als Symbol menschlicher Verstrickung 
und Argus als Verkörperung der menschlichen Vernunft, die, von sinnlichen 
Reizen in Versuchung geführt (Merkurs Flötenspiel), leicht vom Wege ab- 
kommen und damit in die Irre führen kann».? Durchaus mag man in Io ein 
Symbol menschlicher Verstrickung sehen, wobei die erlittenen Qualen je- 
doch nicht durch sie selbst verschuldet wurden. Io war Opfer der Gewalt 
und Willkür eines Gottes — so zumindest bringt Ovid uns den Mythos ent- 
gegen. Und Argus? Was hätte er vollbracht, um in ihm die «Verkórperung 
der menschlichen Vernunft» zu erkennen? Er leistete schlichte Dienste im 
Auftrag einer eifer- und rachsüchtigen Góttin. Allein die Zahl seiner Augen 
qualifizierte ihn für die von Juno gestellte Aufgabe. Nichts aber nützten all 
diese Augen, als sich die Ansprüche der Situation auf das Gehór richteten. 
Zeigte sich Argus zunächst empfänglich für die Klänge der Flöte — gewiß 
ein sinnlich verführerisches Instrument —, so hatte seine Aufmerksamkeit 
letztlich weder der Musik noch der aufschlußreichen Geschichte von Pan 
und Syrinx etwas entgegenzubringen. Er schlief darüber ein. Am hellichten 
Tage. Argus’ Sinne waren nicht im Gleichgewicht. Was er hier zuviel, das 
hatte er dort zu wenig — zu wenig Sinn für das Sinnliche vor allem. Und 
eben deshalb unterlag er Merkur, dem musikalischen Gott, der zugleich der 
intelligenteste war." 
28 Merkur, Argus und Io 
Das in Adriaen van de Veldes Gemälde Merkur, Argus und Io festgehal- 
tene Ereignis präsentiert sich dramatischer als jenes im Werk von Abraham 
Bloemaert (siehe Nr. 27). Es spitzt den Handlungsverlauf der durch Ovid er- 
zählten Geschichte um die Befreiung Ios erheblich zu. Die Landschaft hin- 
gegen ist sanfter und wirkt natürlicher als die des achtzehn Jahre zuvor ent- 
standenen Gemäldes. Alles ruht im warmen Licht einer Nachmittagssonne, 
die schöne Weidenbäume zarte Schatten werfen läßt. Rinder, Schafe und 
Ziegen haben sich beieinander versammelt, unter ihnen auch Io, die Kuh 
mit dem weißen Fell. Ein Bach spendet Wasser und Kühle. Argus sitzt gegen 
den Stamm eines hoch aufragenden Baumes gelehnt, mit übereinander- 
geschlagenen Beinen, den Kopf auf die Brust gesenkt. Er scheint zu schla- 
fen. Säße nicht Merkur neben ihm, was könnte die friedliche Idylle stören, 
die doch so trügerisch ist? Denn schon wirft aus dem Schatten heraus der 
Gott — wohl eben noch abschließende Worte seiner Erzählung über Pan und 
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Adriaen van de Velde (1636—1672) 
Merkur, Argus und Io 
Leinwand; 71x91 cm 
Inv. Nr. G 689 
Erworben: vermutlich vor 1712 
durch Fürst Johann Adam Andreas I. 
  
 
	        

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