Volltext: "Götter wandelten einst..."

vermochte, verwandelte er seine Geliebte, da er das Kommen der Gattin 
schon ahnte, in eine strahlend weiße Kuh. Auch in Gestalt des duldsamen 
Tieres war Io noch schön, und Juno, die zu spät kam, den Gatten auf frischer 
Tat zu ertappen, erbat sich, denn schlau war auch sie, die Kuh zum Geschenk, 
da Jupiter ihre zielstrebigen Fragen nur mit Lügen quittierte. «Was tun? 
Grausam ist's, die Geliebte zu verschenken; sie nicht herzugeben ist verdich- 
tig», schreibt Ovid, und so wechselte Io — war der Verdacht doch schon groß 
genug — den Besitzer. Weil aber auch dies der Göttin im Kampf gegen die 
Untreue ihres Mannes nicht ausreichend schien, unterstellte sie das Tier der 
Bewachung des hundertäugigen Argus, eines Riesen. 
Junos Argwohn war mehr als berechtigt, denn schon zielte Jupiters 
Denken darauf, den lästigen Wächter zu entfernen und die Geliebte zu be- 
freien. Merkur, der intelligenteste unter den Göttern und der geschickteste 
unter den Dieben, wurde mit dieser Aufgabe betraut. Er fand Argus und Io 
in Nemea, unter einem Ölbaum, und ihm wurde klar, daß er dem hundert- 
àugigen Riesen, der die Fáhigkeit besaD, gleichzeitig in alle Richtungen zu 
schauen, die Kuh nicht einfach stehlen konnte. So näherte er sich Argus als 
Hirte und spielte dabei auf der Rohrflöte. Der Wächter fand Gefallen an der 
Musik und bat Merkur zu sich, um ihm lauschen und auch mit ihm plau- 
dern zu können. Da das Instrument kaum erst erfunden worden war, fragte 
er nach der Ursache seiner Entstehung, und so erzählte der Gott die Ge- 
schichte von Pan und Syrinx (siehe Nr. 58). Über derartig viel Neues, das 
sein Ohr vernahm, fiel Argus jedoch in tiefen, verhängnisvollen Schlaf. 
Merkur zögerte nicht, zog sein Sichelschwert und tötete den Unacht- 
samen. Ohnmächtig gegen diese Tat, setzte Juno die hundert Augen des to- 
ten Argus in die Schwanzfedern ihres Vogels, des Pfaues. Doch strafte sie Io, 
die Unschuldige, mit unmäßigem Zorn. Sie senkte den Stachel des Wahn- 
sinns in ihre Brust‘ und trieb sie weithin über den Erdkreis bis nach Ägyp- 
ten, wo sie unter Seufzern und Tränen zusammenbrach. Nicht länger mochte 
Jupiter diesem Elend zuschauen und bat seine Gattin unter Beteuerung, daß 
Io ihr niemals wieder Grund zur Sorge sein werde, das arme Geschöpf doch 
endlich freizugeben. Und als die Göttin versöhnt war, da gewann die Ge- 
strafte ihre ursprüngliche Gestalt zurück. Sie gebar den durch Jupiter emp- 
fangenen Epaphus, von welchem Herodot (2484-425 v. Chr.) behauptet,’ er 
sei der ägyptische Stier Apis gewesen. Io wiederum wurde mit Isis, der gro- 
Ben kuhköpfigen Göttermutter der Ägypter gleichgesetzt.‘ 
Die Darstellung von Merkur, Argus und Io ist in den Sammlungen des 
Fürsten von Liechtenstein insgesamt dreimal vertreten — auf Gemälden von 
Abraham Bloemaert, Adriaen van de Velde (siehe Nr. 28) und Jacob Jorda- 
ens (siehe Nr. 29), die jeweils einen unterschiedlichen Moment in der dra- 
matischen Begegnung des Gottes mit dem hundertäugigen Riesen festhal- 
ten. Bloemaerts Schilderung ist die am wenigsten spektakuläre.” Zwar ist die 
von knorrigen Bäumen bewachsene Landschaft gebirgig und wild, doch hat 
die Szene des flötespielenden Merkur und des ihm lauschenden Argus einen 
bukolisch-beschaulichen Charakter. Auch Io, die weiße Kuh, ruht friedlich 
im sonnenbeschienenen Gras. Nichts deutet hin auf die blutige Tat, die Mer- 
kur bald schon an Argus vollziehen wird. Er trägt das Gewand eines Hirten, 
und statt einer Waffe hat er den Hirtenstab hinter sich auf dem Boden lie- 
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