Volltext: "Götter wandelten einst..."

7 Diana mit ihren Jägerinnen 
   
(Gegenüber den süßen wie auch bitteren Früchten des Eros, der ge- 
schlechtlichen Liebe, erwies sich Diana, die jungfräuliche Göttin der Jagd 
und des Bogenschießens, die Beschützerin der wilden Tiere, der Kinder und 
alles Schwachen, als gänzlich immun. Weder Venus noch Amor hatten Macht 
über sie. Dieses «Privileg» teilte sie mit den Göttinnen Minerva und Vesta, 
von denen noch zu sprechen sein wird. Ihre Eltern waren Jupiter und Leto, 
der höchste Gott und eine Titanin. Ihr Zwillingsbruder war Apollon. Auch 
ihm werden wir noch begegnen. Als Diana drei Jahre alt war, so erzählt Kal- 
limachos (ca. 300-240 v. Chr.), fragte Jupiter sie, welche Geschenke sie sich 
wünsche, und ohne lange zu zögern antwortete die junge Göttin: «Ich bitte 
dich, gib mir ewige Jungfräulichkeit; so viele Namen als mein Bruder Apol- 
lon hat; einen Pfeil und Bogen gleich dem seinen; das Amt der Lichtbringe- 
rin; ein safrangelbes Jagdgewand mit rotem Saum, das bis zu meinen Knien 
reicht; sechzig junge Ozeannymphen, meinen Ehrenjungfern gleichaltrig; 
zwanzig Flußnymphen von Amnisos in Kreta, um meine Jagdgewänder zu 
pflegen und meine Hunde zu füttern, wenn ich nicht auf Jagd bin; alle Berge 
der Welt; und zuletzt jede Stadt, die du für mich auswählen solltest, aber eine 
wäre genug, denn ich möchte den Großteil meiner Zeit auf den Bergen le- 
ben».! Viterliche Liebe und váterlicher Stolz regten sich in Jupiters Herz und 
er gewährte ihr all diese Wünsche und noch etliches mehr. Rysbraeck schil- 
dert in seinem Gemilde — das einzige übrigens, das ihm aufgrund der Signa- 
tur sicher zugeschrieben werden kann — keine besondere Episode aus dem 
Leben der hier nun erwachsenen Diana, sondern er zeigt sie in waldiger 
Landschaft, im Kreise ihrer Gefihrtinnen und umgeben von erlegtem Wild, 
welches sie gerade gejagt haben wird. Manche der jungen Nymphen tum- 
meln sich in einem nahen Bach oder liegen ruhend im Grase, andere sind 
um die Beute bekümmert. Zwei scheinen ihrer Herrin einen Kranz gewun- 
den zu haben, eine weitere kniet vor ihr nieder, um ihr in einem Korb fri- 
sche Früchte zu reichen. Geschiftigkeit und Entspannung bestimmen glei- 
chermaflen das Geschehen um Diana, die ein helles, knielanges Gewand 
trägt, das unter den Brüsten, von denen die rechte sich unverhüllt zeigt, 
schon gegürtet ist. Das eigentliche Erkennungsmerkmal der Gottin ist ein 
kleiner Halbmond, den sie über der Stirn trágt. Sowohl bei den Griechen, 
wo sie Artemis hieß, als auch bei den Römern, welche sie Diana nannten, 
wurde sie zugleich als Göttin des Mondes verehrt. So war Artemis ein ande- 
rer Name der Dreifaltigen Mondgöttin, und ihr silberner Bogen galt als 
Symbol des Neumondes.? «Wenn der Mond schien, war Artemis gegenwär- 
tig, und es tanzten Tiere und Pflanzen.»? Fálschlicherweise kam Diana auch 
in den «Genuß» einer fruchtbaren Liebschaft, da sie gelegentlich mit der 
griechischen Mondgóttin Selene (róm. Luna) identifiziert wurde, die sich in 
Endymion, den Sohn des Zeus (róm. Jupiter) und der Nymphe Kalyke, ver- 
liebte, dem sie fünfzig Töchter schenkte. 
Die Göttin hält sich mit ihren Begleiterinnen, wie das Gemälde zeigt, 
in der Nähe eines Tempels auf. Dieser scheint jedoch nicht ihr selbst geweiht 
zu sein, da er eine dorische oder toskanische Säulenordnung hat. Traditio- 
nell erhielten die für Diana errichteten Tempel eine ionische, also weiblich 
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7 
Ludovicus Rysbraeck 
Diana mit ihren Jägerinnen 
(1716) 
Leinwand; 105x 134,5 cm 
Bezeichnet unten links: 
A: Rys Brack 
Bezeichnet unten rechts: 
Ludovicus: Rys Brack: J:F:1716 
Inv. Nr. G 389 
Erworben: 1820 durch Fürst 
Johannes I. 
  
 
	        

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