Volltext: "Götter wandelten einst..."

   
   
kend und singend auf einer Wiese bei Poggio a Caiano sitzt, umgeben von 
seinem làrmenden Gefolge^ 
Soldani schuf das erzühlfreudige und überaus fein durchgearbeitete 
Relief auf Wunsch des Fürsten Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein 
nach einem «scherzo baccanale». Es stelle, so schrieb er mit Brief vom 11. 
Dezember 1694, einen «Triumph des Bacchus» dar, bei welchem der Wein- 
gott sich gerade mit Ariadne ausruhe. Wenn auch das Wachsmodell des Re- 
liefs am 30. März 1695 «in tausend Stücke zerbrochen» zur Begutachtung 
eintraf, gab der Fürst gleichwohl den Auftrag zum Guf) in Bronze, denn es 
sei,so würden die Bruchstücke erkennen lassen, gewiß «eine sehr schöne Sa- 
che» gewesen. 1697 lag das fertige Relief vor, von dem Soldani hoffte sagen 
zu können, daß es nicht das geringste unter den zur Zeit in Florenz geschaf- 
fenen Werken sei. Er verband diese vorsichtig formulierte Aussage mit der 
grundsätzlichen, auf den klassizistischen Geschmack des Fürsten Rücksicht 
nehmenden Einschränkung, daß sein Bacchanal einem Vergleich mit der An- 
tike «per mancanza di spirito» nicht standhalte.* Tatsächlich zeigte Johann 
Adam Andreas nachfolgend keinerlei Interesse mehr an eigenschöpferischen 
Leistungen des Künstlers. Soldani wurde auf die Rolle des Kopisten be- 
schränkt, der vorrangig Werke der Antike, aber auch solche der Renaissance 
und des Barock in Bronze nachgießen durfte. 
54 Bacchus, die Flügel Amors stutzend 
Schlafend liegt Amor auf einem unebenen Fels, gegen den ihn ein 
weiches Tuch schützt. Alle Glieder sind gelöst und folgen absichtslos der ir- 
dischen Schwerkraft. Der Kopf ruht seitlich auf der Schulter und der Mund 
ist leicht geöffnet. In den entspannten Händen finden Köcher und Bogen 
kaum noch Halt. Zweifelsohne hat sich der Liebesgott dem übermäßigen 
Genuß des Weines hingegeben und schläft nun tief seinen Rausch aus. In 
Gestalt eines Kindes, von einem Leoparden begleitet, ist Bacchus hinzuge- 
treten. Bekränzt mit Weinlaub und Trauben, trägt er ein zottiges Raubkat- 
zenfell über der Schulter. Efeuranken winden sich um Scham und Gesäß. 
Entschlossen stutzt er dem wehrlosen Amor mit einer Schere die rechte 
Schwinge. Ein böses Erwachen droht dem Gott der Liebe, denn Bacchus’ 
Eingriff wird seine gewohnte Wendigkeit drastisch beschränken — wenn 
auch nicht auf lange Dauer. Der Sinn des Werkes ist klar: Überzogener Wein- 
genuß ist der Liebe abträglich. Treffend schreibt Ovid: «Bacchus, du paßt 
nicht schlecht zu dem Sohn der Venus. Auch dies freilich nur, soweit der Kopf 
es verträgt und Verstand und Füße nicht versagen; du sollst auch nicht Ein- 
faches doppelt sehen»! AbstoDend sei es, so meint der Dichter, von reichlich 
genossenem Wein triefend daniederzuliegen, gefihrlich auch, bei Tische 
durch Wein dem Schlaf zu erliegen, da im Schlafe vieles zu geschehen pflege, 
dessen man sich schámen müsse. «Wenn also die Gaben des Bacchus für dich 
aufgetischt sind und eine Frau dein Speisesofa teilt, dann bete zum Vater der 
Nacht und seinen nächtlichen Weihen, daß sie den Wein deinem Kopf nicht 
schaden lassen.»?? Und zwiespáltig beurteilt Ovid den Wein auch noch dort, 
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Mlassimiliano Soldani Benzi 
(1656-1740) 
Bacchus, die Flügel Amors 
stutzend 
(Florenz, 1695) 
Bronze; Höhe: 31 cm; Breite: 35 cm 
Inv. Nr. S 123 
Erworben: 1695 durch Fürst 
Johann Adam Andreas I. 
vom Künstler 
Verkauft: im 19. Jahrhundert 
Erneut erworben: 1978 durch Fürst 
Franz Josef II. 
 
	        

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