Volltext: "Götter wandelten einst..."

   
Bronze in Empfang genommen hatte, mitteilte, der Bacchus sei schlecht ent- 
worfen, seine Haltung unschön und die Erfindung trocken. Es sei bedauer- 
lich, daß Soldani, der doch einen so guten Geschmack besitze, sein Talent 
nicht in eine bessere Sache investiert habe.” Wenngleich diese Kritik auf das 
Werk Michelangelos zielte, traf sie dennoch auch Soldani, denn er war es, 
der dem Fürsten für seine Kunstsammlungen den trunkenen Bacchus vor- 
geschlagen hatte. 
52  Weihopfer vor einer Statue des Bacchus 
Aus der Tiefe einer arkadischen Landschaft, vorbei an mächtigen, ver- 
mutlich antiken Ruinen, ziehen Frauen und Männer zu einer den Vorder- 
grund der Szene beherrschenden Statue des Bacchus, die auf einem hohen 
Postament steht und sich greifbar gegen das schattige Dunkel dicht belaub- 
ter Bäume abhebt. Erhaben wirkt die marmorne Gestalt des jugendlichen 
Gottes. Sie wendet das bekränzte Haupt zur Seite, nicht hin zu der für den 
Wein bestimmten Schale in der erhobenen Rechten, nicht hin zu den zahl- 
reichen Teilnehmern der Prozession. Ergeben bringen junge Frauen in Be- 
gleitung von Kindern ein Rauchopfer und Kórbe voller frisch gepflückter 
Trauben dar. Geflügelte Knaben haben eine Ranke ergriffen und umkreisen 
in frôhlichem Fluge das verehrte Gôtterbild. 
Auch Ziegen werden zur Opferung herbeigeführt — jene Tiere, die in 
so enger Verbindung zum Gott des Weines stehen. Einem alten attischen 
Gärtner mit Namen Ikarios hatte Bacchus einst erklärt, wie man den Reb- 
stock pflanzt und pflegt. Er offenbarte ihm das besondere Geheimnis, wel- 
ches die Traube in sich birgt und forderte ihn auf, auch andere Menschen 
daran teilhaben zu lassen. So fuhr Ikarios durch ganz Attika, bis er schließ- 
lich zu Hirten kam, die seiner Kunst mißtrauten, die sich vom Saft der 
Traube, deren berauschende Wirkung ihnen fremd war, vergiftet fühlten. Sie 
bewaffneten sich mit Spaten, Sichel, Axt und Spieß und metzelten den Gärt- 
ner nieder.! Im Moment des Todes dachte Ikarios daran, wie ein Ziegenbock 
eines Tages die Blitter seines liebevoll gehegten Rebstockes fra. Im Zorn 
totete er das Tier und zog ihm die Haut ab, und «als er sich das Fell des to- 
ten Tieres überstreifte, fing er an, gemeinsam mit anderen Bauern um den 
zerfleischten Tierleib zu tanzen. Ikarios wuDte im Augenblick seines To- 
des..., daD die Geschichte des Ziegenbocks in Beziehung zu dem stand, was 
jetzt mit ihm geschah, wo die Hirten ihn kreisend umschritten und jeder mit 
einer anderen Waffe auf ihn einschlug, bis er den SpieD sah, der ihm das Herz 
durchbohren sollte»? So erinnerte die Opferung von Ziegen an den von 
Ikarios getóteten Bock, zugleich an Ikarios selbst, den alten attischen Gärt- 
ner, der für den Gott des Weines, dessen Mysterium er verkündete, den Op- 
fertod gestorben war. 
Zum Opfer konnten auch jene werden, die sich dem Kult des Gottes 
verweigerten oder gar widersetzten. Euripides (7485—406 v. Chr.) schildert 
in seiner Tragddie Die Bakchen;? wie die Einwohner Thebens, jener Stadt 
also, in welcher Bacchus geboren worden war (siehe Nr. 51), dem neuen 
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Gerard Hoet (1648—1733) 
Weihopfer vor einer Statue 
des Bacchus 
Holz; 26,5x35,5 cm 
Bezeichnet unten rechts: G.Hoet 
Inv. Nr. G 683 
Erworben: 1787 durch Fürst Alois I. 
 
	        

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