Volltext: Historiographie im Fürstentum Liechtenstein

   
    
Olympe de Gouges, sondern auch das Faktum, dass die Menschenrechte über 
einen langen Zeitraum hinweg als Männerrechte gedacht waren.’ 
Diese These auf unser Schulbuch angewandt: Unter dem Titel «Der kulturelle 
Aufbruch» wird unter anderem als Auswirkung der neuen Verfassung von 
1862 das Aufblühen eines vielfältigen Vereinslebens geschildert. Vereine wa- 
ren, so das Schulbuch, bis 1914 fast reine Männersache.® Unbemerkt blieben 
dem Autor die Gründungen der Marianischen Jungfrauenkongregationen und 
Müttervereine in fast allen Gemeinden des Landes.’ Die katholischen 
Frauenorganisationen unterstanden einem Präses, einem Pfarrer oder Kaplan, 
und hatten die sittlich-religiöse Unterweisung der Mädchen und Frauen zum 
Ziel. 
Im selben Zeitraum wurden die Frauen aus den ursprünglich gemischten Kirchen- 
chören ausgeschlossen, wie das Schulbuch vermerkt wegen dem damals auf- 
kommenden patriotischen Liedgut und den sittlichen Bedenken der Bischöfe. 
Und aus Angst vor Verleumdung, heisst es in einem Quellentext, habe die Theater- 
gesellschaft Triesen die weiblichen Rollen mit Männern besetzt. 1861 wurden 
die schulentlassenen Mädchen und Knaben getrennt in Flicken, Stricken und 
Kochen, respektive in Deutsch, Rechnen, Naturlehre und Landwirtschaft un- 
terrichtet. Ziel der Industrieschule, so wurde der Mädchenunterricht genannt, 
war die Heranbildung «sittsamer, fleissiger Mägde und Hausfrauen».!° 
Die zu beobachtende Segregation der Geschlechter hatte für Männer und 
Frauen unterschiedliche Folgen. Für die Frauen beinhaltete sie einen Verweis 
auf den häuslichen Bereich und eine verstärkte kirchliche Bevormundung. 
Der kulturelle Aufbruch, so meine Gegenthese, fand demzufolge nur für 
Männer statt. Und es wäre überaus aufschlussreich, den Gründen der Verhin- 
derung der Frauen nachzuspüren. 
Einen scheinbaren Einwand gegen diese These präsentiert das Schulbuch mit 
dem Hinweis auf das Erscheinen eines Romans aus der Feder einer Frau, 
Hermine Rheinbergers, im Jahre 1897. Bei genauerem Hinsehen enthüllt 
jedoch gerade das Schicksal dieser Frau, die die zweite Hälfte ihres Lebens in 
einer psychiatrischen Anstalt verbrachte, die widersprüchlichen und beengten 
Verhältnisse, denen bürgerliche Töchter ausgesetzt waren. 
Die Ausserordentlichkeit eines weiblichen Autors Ende des letzten Jahrhun- 
derts ist bis heute von der liechtensteinischen Historiographie nicht wahrge- 
nommen worden. Es existiert weder eine Biographie noch eine literatur- 
historische Einschätzung des Romans, einer historischen Erzählung aus dem 
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