Volltext: Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein

DIE SKULPTURENSAMMLUNG 
Karl Eusebius von Liechtenstein (1611-1684) war erst sechzehn Jahre alt, als sein Vater, Fürst Karl 
I., am 12. Februar 1627 starb und er ihm als Regierender Fürst im Amt folgte. Obwohl Karl Eusebius 
eine sorgfältige humanistische Erziehung bei den Jesuiten genossen hatte, entschieden die Fürsten 
Maximilian und Gundaker von Liechtenstein, daß er eine Zeitlang im Westen herumreisen sollte. Im 
Jahre 1629 machten sich Karl Eusebius und sein Cousin, in Begleitung ihres Tutors, auf den Weg 
nach Brüssel, der damals bedeutendsten habsburgischen Stadt in Westeuropa, wo Karl Eusebius 
Rechtswissenschaften studieren sollte. Die Reise dauerte drei Jahre, während der der junge Mann die 
Niederlande, Paris, vielleicht England und Spanien und sicherlich Rom und Florenz besuchte. 1632 
kehrte er nach Feldsberg zurück (heute Valtice), dem Familiensitz an der Grenze zwischen 
Niederösterreich und Mähren, wo sich Karl I. häufig aufgehalten hatte, wenn er Prag und seinen 
Pflichten als Statthalter und Vizekönig von Böhmen den Rücken kehren konnte. 
Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Karl Eusebius auf diesem Stammsitz, wo er auch während 
des Dreißigjährigen Krieges Zuflucht fand, als sein schlesischer Besitz, die Herzogtümer Troppau 
und Jägerndorf sowie anderer großer Landbesitz in der Nähe von Prag, von Auseinandersetzungen in 
der Bevölkerung, fremden Truppen und chronischer Armut und Gesetzlosigkeit heimgesucht wurde. 
Obwohl Kaiser Matthias seine Residenz bereits von Prag nach Wien verlegt hatte und ab 1621 nur 
ein Teil der berühmten, von Rudolf II. geschaffenen Kunstkammer in Prag blieb, hatte Karl Eusebius 
stets eine enge persönliche Beziehung zu den Kaisern Ferdinand II. (1619-1637), Ferdinand III. 
(1637-1657) und Leopold I. (1658-1705) aufrechterhalten. Mehrere Jahre lang wurde er mit Klagen 
der böhmischen Stände, die Anspruch auf die von seinem Vater erworbenen Länder erhoben, 
überhäuft. Nur durch das Eingreifen des Kaisers wurden seine Ansprüche auf die Besitztümer und 
Titel bestätigt. Nach 1666 konnte er schließlich sein Vermögen für die Vergrößerung seiner 
Kunstsammlungen verwenden. 
Die Kenntnisse, die sich Karl Eusebius während seiner ersten Auslandsreise und mindestens einer 
weiteren Reise nach Italien angeeignet hatte, bestimmten die Richtung, in der sich sein Geschmack in 
punkto Malerei, Bildhauerei und Architektur entwickeln sollte. Während dieser Reisen hatte er auch 
Kontakte in den künstlerischen Zentren Europas geknüpft, insbesondere Italien und den 
Niederlanden. Von dort - und aus Wien - kamen viele der von ihm erworbenen Kunstgegenstände. 
Wahrscheinlich genoß Karl Eusebius nicht dieselbe Freiheit wie sein Vater hinsichtlich des Zugangs 
zu den kaiserlichen Sammlungen, als er Dutzende von Gemälden und Wandteppichen aus der Prager 
Kunstkammer entlieh, um Kopien davon für sich anfertigen zu lassen (Fleischer 1910, S. 11; Haupt 
1983, Textband, S. 60). Zumindest am Anfang wollte er sich mit Objekten umgeben, die in 
irgendeiner Weise den Geschmack Rudolfs II. widerspiegelten. Dieser Wunsch wird besonders 
deutlich in der Sammlung von etwa dreißig Bronzen, die 1658 in einem Verzeichnis der 
“Guardaroba” des Fürsten in Feldsberg beschrieben wurden (Fleischer 1910, S. 69-71). Sieben der 
aufgeführten Teile waren bekannte Modelle Giovanni Bolognas oder seiner Werkstatt: Herkules und 
Antaeus, zwei Beispiele des Raubs der Sabinerinnen (je eine Gruppe von zwei beziehungsweise drei 
Figuren), Nessos und Deianeira, ein Kniender Badender, ein Löwe, der ein Pferd anfällt und ein 
Leopard, der einen Stier anfällt. Fast alle waren Modelle aus der Gruppe der siebenundzwanzig 
Bronzen Giovanni Bolognas, die im Kunstkammer-Verzeichnis Rudolfs II. aus den Jahren 1607-1611 
aufgelistet waren (Leithe-Jasper 1978, S. 76-77). 
Giovanni Bolognas Bronzen im Besitz Rudolfs II. waren alle zu Lebzeiten des Bildhauers gegossen 
worden, die meisten von Antonio Susini. Auch wenn Karl Eusebius nicht damit rechnen konnte, 
solch frühe Exemplare erwerben zu können, so wußte er doch, daß Giovanni Bolognas Modelle nun 
von Antonio Susinis Neffen, Giovanni Francesco Susini (ca. 1575-1653), der das Atelier seines 
Onkels geerbt hatte, in Florenz gegossen und verkauft wurden, insbesondere an fremde 
Interessenten. Zweifellos in der Hoffnung, Bronzen nach Giovanni Bolognas Modellen zu erhalten, 
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