Volltext: Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein

entstanden sein und zeitlich den Ölskizzen, die um das Jahr 1622 für den Medici-Zyklus angefertigt 
wurden, viel näher sein. Auf genau diesen Zeitpunkt weist auch eine andere Hypothese hin, die 
Palme (1956, S. 255-259) überzeugend dargelegt hat und die Held (1980, S. 187, 188, 190-192) 
sowie bereits früher der Autor (Baumstark 1980, S. 152-153) stützen. Palme ist der Meinung, daß 
die Skizze Rubens’ erste Ideen zu einer Folge von Deckengemälden darstellt, die für den Bankettsaal 
in Whitehall, ein Stadtteil Londons, ausgeführt wurden. Rubens hatte gehofft, den Auftrag für diese 
herausfordernde Aufgabe zu bekommen. In seinem Brief vom 13. September 1621 an William 
Trumbull, einen politischen Agenten des britischen Monarchen James 1., berichtet Rubens stolz von 
seinen künstlerischen Fähigkeiten und erklärt, daß er sich glücklich schätzen würde, wenn ihm die 
Ehre eines Auftrages vom König oder dem Prinzen von Wales zukäme. In Bezug auf den Bankettsaal 
in Whitehall schreibt er: "Ich bin eher dazu geneigt, große Bilder zu malen als kleine Kuriositäten. 
Jeder auf seine Art." Er fährt fort, daß seine Begabung dergestalt sei, daß kein Projekt, sei es noch so 
groß im Umfang oder noch so vielfältig in seiner Thematik, über seine Fähigkeiten hinausgehen 
würde. Sein enthusiastischer und selbstsicherer Brief trug nicht sofort Früchte, denn er bekam den 
Auftrag nicht 1621, als der Empfangssaal für den englischen Hof in Whitehall gerade fertiggestellt 
worden war, sondern erst während seines Aufenthalts in London in den Jahren 1629-1630. In 
Abwesenheit spezifischer Beweise können nur Spekulationen darüber angestellt werden, warum die 
Dekoration des Bankettsaals so lange aufgeschoben wurde. Die vorliegende Skizze eignet sich 
jedoch für eine plausible Interpretation der Ereignisse. In Anbetracht der politischen Situation im 
Jahre 1621 scheint Apulejus' Erzählung der Verbindung der Liebenden allen Widrigkeiten zum Trotz 
eine tiefere Bedeutung zu haben und nimmt den Aspekt einer allegorischen Lobeshymne auf den 
britischen Herrscher an. Seit 1619 verfolgte König James I. die Idee einer Hochzeit zwischen seinem 
Erben (dem späteren Karl I.) und der spanischen Infantin Maria, der Schwester von Philip IV. von 
Spanien. James' Vision des Friedens für Europa gründete auf einer Versöhnung zwischen den beiden 
großen Seemächten, die durch diese Heirat besiegelt worden wäre. Gesandte reisten zwischen 
Madrid und London hin und her, um die Heirat auszuhandeln, und schließlich ging auch der Prinz 
von Wales nach Spanien, um selbst die Braut zu überzeugen. Im Jahre 1623 zerbrach das Vorhaben 
jedoch an religiösen Differenzen (der Prinz war Protestant und die Infantin Katholikin), und so 
geschah es auch mit der Hoffnung auf Frieden. Die vorliegende Skizze, die eine von Jupiter 
arrangierte eheliche Verbindung schildert, wäre eine passende Verherrlichung James I. als Prinzen 
des Friedens Anfang der zwanziger Jahre des siebzehnten Jahrhunderts gewesen. Die politische 
Realität machte himmelwärtsstrebende Illusionen zunichte, und Rubens' "große und 
abwechslungsreiche" Thematik wurde ein Opfer der Ereignisse. In einem Brief vom 10. Januar 1625 
schreibt Rubens, daß er bei einem erfolgreichen Heiratsantrag verpflichtet gewesen wäre, nach 
London zu reisen. Diese Bemerkung scheint sich auf-ein erstes, 1621 erwähntes Projekt für die 
Decke des Bankettsaals zu beziehen, wofür die vorliegende Skizze, trotz fehlender weiterer Belege, 
ein Beweis sein könnte. 
Einen Einwand gegen diese Interpretation wurde von Martin (1966, S. 613-614), der sich vor allem 
auf Palme bezieht, erhoben. Obwohl Martin die vorliegende Skizze mit dem Anfangsstadium des 
Whitehall-Programms in Verbindung bringt, so meinte er, daß die Episode aus Apulejus’ Geschichte 
auf die Hochzeit zwischen Karl I. und seiner französischen Braut, Prinzessin Henrietta Maria, 
Tochter Heinrichs IV. (gest. 1610) von Frankreich, im Jahre 1625 anspiele. Die allegorischen 
Elemente der Skizze ergeben aber nur einen Sinn, wenn eine Verbindung zwischen Jupiter und James 
hergestellt wird. Da der britische Monarch jedoch vor der Heirat seines Sohnes gestorben war, 
konnte er folglich nicht dieselbe bedeutende Rolle spielen wie Jahre zuvor bei der vorgeschlagenen 
englisch-spanischen Vermählung. Martins Einwand kann demnach hier vernachlässigt werden. 
Anläßlich der Ferntrauung, die in Paris im Mai 1625 stattfand, begegnete Rubens zum ersten Mal 
dem Herzog von Buckingham, dem einflußreichen Günstling von Karl I., dessen Unterstützung für 
jede neue künstlerische Unternehmung unentbehrlich war. Im Laufe ihrer Bekanntschaft gab 
Buckingham Rubens den Auftrag für ein Deckengemälde. Rubens war sich bewußt, daß er die 
vorliegende Skizze nicht mehr anderweitig verwenden würde und fügte die Dıei Grazien sowie den 
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