Volltext: Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein

Bergkristallgefäße. Das hohe Amt des Obersthofmeisters unter Kaiser Rudolf II. in Prag veranlaßte Karl 
zu ambitionierten Aufträgen bei der am Hofe tätigen, internationalen Künstlerschaft. So schuf Adriaen 
de Fries für den Fürsten bereits im Jahre 1607 einen in Bronze gegossenen, lebensgroßen "Christus im 
Elend", der zu den bedeutendsten Werken der europäischen Plastik zählt. Auch de Fries’ " Heiliger 
Sebastian" wurde von Karl in Auftrag gegeben, obgleich die Archivalien über diese großartige sowie 
großdimensionierte Bronzeplastik keinerlei Auskunft geben: Schließlich verdanken kostbarste Werke 
der Steinschneidekunst ihre Entstehung dem Fürsten, sogenannte "Pietra Dura"-Arbeiten, Intarsien aus 
feingeschnittenen Edelsteinen, welche in Gestalt einer Truhe oder einer Tischplatte die Sammlungen 
zieren. 
Zweifellos ging Karls Engagement für Gegenstände der bildenden und dekorativen Künste über das 
seinem Rang entsprechende Maß hinaus. Und doch ist nicht er der eigentliche Schöpfer der Fürstlich 
Liechtensteinischen Kunstsammlungen. Diesen "Titel" wird man vielmehr seinem Sohn Karl Eusebius 
zuerkennen dürfen, der eine planmäßige Erweiterung des Bestandes an Kunstwerken betrieb, die nicht 
nur ein der Fürstenwürde gemäßes Kulturbewußtsein, sondern aufrichtige Liebe zur Kunst und eine 
begeisterte Sammelleidenschaft zur Grundlage hatte. Karl Eusebius bekleidete, sehr im Unterschied zum 
Vater, kein öffentliches Amt. Fast ausschließlich um die Verwaltung und den Ausbau der Besitztümer 
besorgt, engagierte er sich häufig als Bauherr, der zahlreiche Architekten, Steinmetze, Stukkateur und 
Maler beschäftige - sei es zur Errichtung von Kirchen, Schlössern oder Residenzen. Das eigenhändig 
verfaßte "Werk von der Architektur" bekundet die Sachkenntnis des Fürsten in allen 
Bauangelegenheiten, und die höchsten Maßstäbe sind dabei gerade recht. In einem Brief von 1681 an 
seinen Sohn Johann Adam Andreas empfiehlt er diesem als "perfecter architectus" selbst einen 
Michelangelo, Vignola oder Bernini zu übertreffen". Er äußerte die seinen Nachkommen zugedachte 
Meinung, daß Geld dazu dienen solle, "schene Monumenta zu ebigen und unsterblichen Gedechtnus" zu 
schaffen. Mit dem Namen Karl Eusebius verbinden sich, als Auftraggeber wie als Sammler, die 
Schaffung und Erwerbung erlesenster Werke der Malerei, der Skulptur und des Kunsthandwerks. Über 
die Kunst hinaus galt sein Interesse der Pferdezucht und selbst der Alchymie. Es entsprach seiner 
tiefsten Überzeugung, daß ein Fürst "curios", d. h. besorgt und auf alles Wissenwertes bedacht zu sein 
habe und daß "curiose" Fürsten "durch den lust angetrieben" werden. 
Offensichtlich vermochte Karl Eusebius diese "lust" auf seinen Sohn zu übertragen, bei welchem sie 
schließlich einen "bewußten Zug ins Großartige" (G. Wilhelm) annahm. Die historischen und politischen 
Umstände begünstigten die kulturellen Ambitionen Johann Adam Andreas’, der sich nach der 
Niederschlagung der Türken vor Wien im Jahr 1683 um den Erwerb von Baugrund außerhalb der bis 
dahin Schutz gewährenden Stadtmauern bemühte. Mit dem Kauf eines unweit der kaiserlichen Hofburg 
gelegenen Grundstückes war zugleich die Inbesitznahme eines-bereits begonnenen Palastes verbunden, 
den Fürst Johann Adam zur Fertigstellung als künftige Residenz dem zuvor schon für das Gartenpalais 
in der Rossau engagierten italienischen Architekten Domenico Martinelli anvertraute. Auch zur 
Innenausstattung beider Paläste zog der Fürst vorrangig italienische Künstler heran. Unter der regen 
Anteil- und Einflußnahme des Fürsten trugen sie dazu bei, daß sich Stadt- und Gartenpalais zu 
italienischen "Gesamtkunstwerken" formten, in denen Johann Adam Andreas eine prachtvolle und 
wahrhaft barocke Hofhaltung entfaltete. Auch die von Karl Eusebius wohl größtenteils im Schloß 
Feldsberg untergebrachten Kunstsammlungen fanden im Wiener Stadtpalais ein neues Zuhause und 
wurden fortan dem Fideikommiß unterstellt. Wie eng das Verhältnis Johann Adams zu namhaften 
Künstlern seiner Zeit war, belegt eine ausgiebige und mitunter langanhaltende Korrespondenz, die sich 
bis heute im Fürstlichen Hausarchiv erhalten hat. Sie bietet wertvolle Einblicke in die Wahrnehmungs- 
und Denkungsart eines in jeder Hinsicht barock veranlagten Fürsten und der von ihm beauftragten 
Künstlerschaft. Gewiß wurden Johann Adams ästhetische Vorstellungen primär durch den "buon gusto 
italiano" geprägt. Weltweiten Ruhm genießen die Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein heute 
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