Volltext: Die Armee, die es nicht geben durfte

Schellenberger Pfadfinder den Russen eine unvergeßliche Überra- 
schung: man hatte während der Karwoche 500 bis 600 Eier zusammen- 
gebettelt und gefärbt. „Am Ostermorgen überbrachten wir den Russen, 
für die Ostern das höchste Fest ist, die Ostereier auf einem 1 bis 1,5 
Meter großen Blechteller, der noch von der Fürstenhochzeit her vorhan- 
den war. Dazu sprachen wir den russischen Ostergruß, den wir eigens in 
russischer Sprache eingeübt hatten. Als ich einem Soldaten sein Osterei 
übergeben wollte, weinte dieser und umarmte mich... Für mich war die 
russische Sitte, daß Männer sich umarmen und küssen, ungewohnt. 
Dem zweiten hielt ich das Osterei aus sicherer Entfernung entgegen. 
Die ganze Mannschaft sang bei Anbruch der Dämmerung das Abendge- 
bet in russischer Sprache. Jeden Abend erschienen dazu viele Leute, 
denn es war ein eindrückliches Erlebnis. Am 10. Mai kamen alle Rus- 
sen in das Lager in Ruggell. Sie erbettelten Draht, Stroh und anderes 
Material, woraus sie Körbe flochten, die sie der Bevölkerung um ein 
Taschengeld verkauften. Noch heute verwendet meine Mutter ein sol- 
ches Drahtkörbchen, um ihren Schmuck aufzubewahren...” 
Über ganz andere Erfahrungen kann der Ruggeller Franz Büchel berich- 
ten: „Vom 1. Juni bis 4. September war ein Russe namens Nikolaus bei 
uns. Er half uns bei der Arbeit mit. Melken konnte er allerdings nicht. 
Manchmal meinte er: ‚Bei uns Frauen melken’”. 
Am 22. Juli war in Ruggell ein Musikfest. Am anderen Tage erschienen 
nicht alle Musikanten zum Abräumen des Festplatzes. Dafür halfen eini- 
ge Russen gerne. Nach der Arbeit haben wir ein paar Buben mit den 
Russen zu jenen Musikanten nach Hause geschickt, die sich beim 
Abräumen des Platzes drückten. Dort sollten sie für ihre Arbeit ein Mit- 
tagessen verlangen. 
Bei dieser Truppe waren auch einige Deutsche. Diesen hat man gesagt, 
sie könnten vorläufig hierbleiben, falls sie irgendwo Aufnahme fänden. 
Die Hebamme Hilda Büchel hat sich damals um diese Leute gekümmert 
und ihnen Unterkünfte vermittelt. Als sie mich fragte, ob ich nicht auch 
einen aufnähme, war ich vorerst skeptisch. Am 29. Dezember 1945 kam 
einer selber zu uns und stelle sich als Richard Benz vor. Wir haben ihn 
aufgenommen und in der hinteren Kammer oben einquartiert. Bald 
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