Volltext: Bestandeskatalog

  
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Ferdinand Nigg (1865-1949) 
  
Der Georgs-Drache 
Gouache, Tusche und Graphit 
52,8 X 42,8 cm 
Nachlassinventar Nigg 572 
LSK 87.14 
Die Vorstellung vom Drachen scheint seit Urzeiten verschiede- 
nen Völkern und Kulturen gemeinsam zu sein. Sie taucht sowohl 
in der Literatur als auch in bildlichen Darstellungen auf, und 
lässt den Drachen zum Inbegriff von Lebensbedrohung werden. 
Der Thematik des Drachens und somit auch derjenigen des Hel- 
den, der das Untier in schwerem Kampf bezwingt, begegnet 
man im Werk von Ferdinand Nigg, der bestimmte Motiv- und 
Themenkreise immer wieder in unterschiedlichen Medien auf- 
greift, stets aufs neue: sei es in den Stickereien der Bildteppiche 
oder wie hier im Blatt Georgs-Drache oder in Entwurfsskizzen 
und Studien, welche die Stickereien vorbereiten. 
Seit 1902 lassen sich Bildteppiche im Schaffen von Ferdinand 
Nigg nachweisen. Die vorliegende undatierte Studie dürfte wohl 
im Umfeld der Entwürfe zum grossen Georgs-Teppich entstan- 
den sein, der sich in die Kölner Zeit, also zwischen 1912 und 
1931, datieren lässt. In dieser Phase, in der Nigg an der Kunst- 
gewerbeschule in Köln die erste Fachklasse für Paramentik in 
Deutschland leitete, hat er sich nicht nur verstärkt mit seinem 
eigenen Schaffen auseinandergesetzt, hier beginnt auch seine 
Beschäftigung mit der religiösen Thematik, der er sich nach dem 
Ersten Weltkrieg fast ausschliesslich widmet. 
Die Stickerei mit der eigenhändig ausgeführten, sich wiederho- 
lenden Tätigkeit der Nadelarbeit nimmt im Werk von Ferdinand 
Nigg viel Raum ein. Hier findet er zu seinen schönsten und klar- 
sten, zugleich auch zu seinen eigentümlichsten Lösungen. Im 
Kreuzstich konstituieren sich Raum und Zeit, im Überkreuzen 
der beiden Diagonalen des Stichs werden die Richtungen aufge- 
hoben. In der rhythmischen Reihung des an sich richtungslosen 
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Einzelstiches, der Kontrastierung durch Farbabstufungen und 
der Wahl verschiedener Fadenstärken entstehen die Formen und 
Gliederungen als Strukturen im Bild. Immer wieder begleitet 
der gemalte Entwurf das textile Schaffen Ferdinand Niggs. In 
diesem Zusammenspiel muss auch das Bild Georgs-Drache 
gesehen werden, das bereits die Möglichkeiten einer Umsetzung 
der freieren malerischen Mittel in die Stickerei demonstriert. 
Der Graphiker, als der Nigg mit abstrahierenden Holz- und Li- 
nolschnitten auch tätig war, spricht aus den einfachen und direk- 
ten Mitteln, mit denen die Thematik des Drachens aufgegriffen 
und umgesetzt wird. Flächig, fast ornamental aufgelöst, ver- 
schmilzt das eigentliche Motiv mit dem nicht weiter differen- 
zierten Hintergrund. Wenige Elemente und sparsam gesetzte 
Farbakzente bestimmen die Bildgestalt in nachhaltiger Weise. 
War Nigg zu Beginn seines Schaffens noch dem Jugendstil ver- 
haftet, so löst er sich in der Folge davon und findet zu einer kla- 
ren Formensprache — ein Schritt, der sich im Zusammenhang mit 
den angestrebten Neuerungen der Zeit im Umfeld der Gründung 
des Deutschen Werkbundes von 1907 vollzieht, mit dessen Be- 
gründern Ferdinand Nigg seit spätestens 1903 in Kontakt steht.” 
Eigentümliche Kreatürlichkeit, Ruhe und Statik bestimmen den 
von Nigg dargestellten Drachen. Nigg zeigt ihn nicht im Aufbe- 
gehren gegen seinen Bezwinger, sondern scheinbar ergeben, 
sein unabwendbares Schicksal erwartend, unspektakulär, den- 
noch voller Eindringlichkeit, wie es wohl auch der Umsetzung 
in den Kreuzstich, als «überzeugendes Zeichen in seiner Sensa- 
tionslosigkeit»,? entsprochen hätte. AG. 
! Kreuzstich und trassierter halber Kreuzstich, Wolle und Baumwolle, 138 X 93 cm, 
Kólner Zeit, Sammlung Land Liechtenstein. In: Kliemand, Evi: Ferdinand Nigg. 
Wegzeichen zur Moderne. Bildteppiche, Malerei, Graphik, Paramentik. Vaduz, 
1985, Abb. 1-3. 
? Ebd., S. 11. 
+ Ebd., S. 24. 
  
 
	        

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