Volltext: Bestandeskatalog

  
I 
€ 
] 
F 
V 
z 
U 
i 
A 
È 
1 
E 
in TOA ST De pe OS (ID EE 
IN Co. Lm wu Ii 
Paul Klee (1879-1940) 
  
In Deckung, 1937 
Schwarze Kleisterfarbe über Kohle 
29,7 X 20,8 cm 
Bez. u. l. (blaue Tinte): Klee; auf Montageblatt u. 1.: 1937 T. 18, 
u. r.: in Deckung 
LSK 85.13 
Ende 1933 sieht sich Paul Klee gezwungen, Deutschland zu ver- 
lassen. Bereits im Mai ist ihm als Professor an der Düsseldorfer 
Akademie fristlos gekündigt worden. Er emigriert in seine Hei- 
matstadt Bern. Die politische Situation in Deutschland bewirkt 
somit nach 1919 ein zweites Mal eine wichtige Zäsur im Leben 
des nun 55jährigen Künstlers. 
Die ersten Jahre in Bern stehen im Zeichen einer Krise, die 1937 
mit einem eruptiv ausbrechenden Schaffensdrang überwunden 
scheint, doch eine tiefe Spur im Schaffen des Künstlers hinter- 
lässt. Sie äussert sich in einer «neuen bildnerischen Sprache», 
die das Werk Klees bis zu seinem Tod im Juni 1940 prägt. Zu 
dieser stilistisch relativ geschlossenen, von «neue[r] spontane[r] 
Gestik des Zeichnens» gekennzeichneten Werkgruppe der letz- 
ten Jahre,” dem Spätwerk Klees, gehórt auch die Zeichnung /n 
Deckung. Exemplarisch manifestieren sich in ihr die Charakteri- 
stika von Klees künstlerischer Praxis in dieser intensiven Phase: 
die auffallende Vorliebe für die Zeichnung als Ausdrucksmittel, 
die Rückkehr zur menschlichen Gestalt als dem dominierenden 
Motiv, die Suche nach bildnerischer Reduktion und der Zerfall 
der zierlichen, meist kontinuierlichen Linie in balkenhafte, 
máchtige Linienfragmente. 
Klees abrupter Stilwandel wird in Zusammenhang mit seiner Si- 
tuation im Exil und mit der 1935 ausbrechenden schweren 
Krankheit gesehen; doch auch als sein Bestreben, vor dem Hin- 
tergrund von Picassos Werk den Anschluss an die Avantgarde zu 
finden, und nicht zuletzt als Reflex auf die historischen Um- 
stände. So weisen der Titel wie die formale Konzeption der 
Zeichnung In Deckung in verschiedene Richtungen. Über ein 
schwach mit schwarzer Kreide angedeutetes Linienknáuel setzt 
128 
Klee — zeichenhaft verkürzt — weitgehend isolierte Linien, kurze 
Striche und Punkte. Eine auf Kopf und Rumpf reduzierte, mit 
breitem Pinsel fragmentarisch konturierte Figur hebt in abweh- 
render oder drohender Geste den Arm. Die in dramatischer 
Weise durch den Kontrast von Schwarz und Weiss überhóhte 
Zeichensprache des Blattes umkreist in ambivalenter Weise Be- 
reiche von Bedrohung, Gewalt, Aggression, aber auch von 
Enge, Bedrángnis oder Abwehr. 
In Bern befindet sich Klee «in Deckung» vor dem Regime des 
Nationalsozialismus: 1937 erfolgt die offizielle Achtung seines 
Schaffens mit der Prásentation seiner Werke in der Münchner 
Ausstellung «Entartete Kunst». Mit der Rückkehr in seine Hei- 
matstadt hat sich Klee gezwungenermassen in eine Situation 
geographischer wie geistig-künstlerischer Isolation begeben, die 
seine Krankheit noch verschärft.” Doch auch seine eigene «Kon- 
zeption des Künstlers als einsam produzierendem Schöpfer» 
macht sich in zunehmender Distanzierung und Abschirmung 
von der äusseren Realität bemerkbar.* Blátter wie Wander-Artist, 
ein Plakat von 1940, erscheinen als Metaphern klaustrophober 
Enge und völliger Abkapselung. Klees Spätstil lässt sich als 
«Ausdruck dieser mit der radikal introspektiven Konzentration 
auf sein Schaffen verbundenen Distanznahme und der Infra- 
gestellung der weltlichen Realität» verstehen. Nicht zu leugnen 
ist aber auch die Suche «nach zeichenhafter, symbolisch über- 
höhter Allgemeingültigkeit, die sich <absichtsvoll jeder klaren 
Deutbarkeit entziehb», und die als «Ausdruck jener von Klee 
im Spütwerk wie nie zuvor angestrebten bildnerischen Metaphy- 
sik seiner Kunst» gesehen werden kann." M.S. 
Glaesemer, Jürgen: Paul Klee. Die farbigen Werke im Kunstmuseum Bern. 
Gemälde, farbige Blätter, Hinterglasbilder und Plastiken. Bern, 1976, S. 308. 
? Glaesemer, Jürgen: Paul Klee. Handzeichnungen III, 1937-1940. Bern, 1979, S. 27. 
? Vgl.v.a. die Schriften von Glaesemer, Jürgen. 
Vgl. v.a. Werckmeister, Otto Karl: Versuche über Paul Klee. Frankfurt/M., 1981. 
Vgl. Helfenstein, Josef: Das Spátwerk als «Vermüchtnis». In: Paul Klee. Das Schaf- 
fen im Todesjahr. Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern, 1990, S.68. 
¢ Ebd. 
7 Wie Anm. 1, S. 344. 
  
 
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.