Volltext: Fünf Jahrhunderte italienische Kunst aus den Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein

   
Kat. Nr. 2 
GIOVANNI BARONZIO (dok. 1345-1362) 
«ANBETUNG DER KONIGE, KREUZIGUNG UND 
SIEBEN HEILIGE» (um 1355) 
Holz (Pappel); 57,6 X 31 cm; Tafel und Rahmen aus einem Stück 
Inv. Nr. G 867 
Erworben: 1881 durch Fürst Johannes II. 
Das Täfelchen, welches möglicherweise die Mitte eines dreitei- 
ligen Flügelaltars behauptete, ist vertikal in drei Bildzonen 
untergliedert, deren untere, jeweils ganzfigurig, sieben Heilige 
zeigt (von links nach rechts): Pankratius, Klara, Franziskus, 
Ludwig von Toulouse, Katharina (?), Augustinus (?), und 
Georg, den Drachen tötend. Sie lassen vermuten, daß der Auf- 
traggeber des Werkes ein Mitglied des Franziskaner-Ordens war 
oder diesem zumindest nahestand. 
Über den Heiligen wird, die größere Mittelzone einnehmend, 
Christi Tod am Kreuz geschildert. Die Darstellung folgt, was 
ihre figurale Anordnung betrifft, den Vorgaben Giottos und 
seiner Werkstatt. Das Kreuzigungsthema ist auf Christus 
beschränkt, es fehlen die Schächer. Links des Kreuzes stehen, 
neben zwei trauernden Frauen, die drei Marien, darunter Christi 
Mutter, die, von Schmerz und Ohnmacht überwältigt, beidseitig 
gestützt wird. Hinter ihnen sitzen, phalanxartig geschlossen, 
römische Soldaten zu Pferde. Einer von ihnen trägt eine rote 
Standarte mit der Aufschrift (S)PQR, Senatus Populusque 
Romanus. Wo sie erscheint, treten römischer Senat und römi- 
sches Volk mit dem vollen Anspruch ihrer Macht auf. In dem auf 
weißem Pferd sitzenden, direkt auf Christus schauenden Sol- 
daten erkennt man Longinus. Er, der mit seiner Lanze die rechte 
Seite Christi öffnete, aus welcher das Blut strömt, nimmt im 
Gekreuzigten plötzlich den Sohn Gottes wahr. Mit betenden 
Händen bekennt er seine verspätete Einsicht. Unterhalb Christi, 
mit ihm das Bildzentrum beherrschend, kniet Maria Magdalena 
in tiefem Schmerz. Ihr Haar fällt nicht, wie sonst üblich, lang 
und aufgelöst den Rücken herab. Vielmehr hat sie die Kapuze 
ihres roten Mantels über den Kopf gezogen und es scheint, als 
hielte sie ihr Haar in Händen, mit denen sie Christi blutende 
Füße umfaßt. Zur Rechten Magdalenas steht Johannes, der 
Jünger, in stiller Trauer die Hände zum Gebet verschränkt, 
umgeben von Pharisäern und weiteren berittenen römischen 
Soldaten, von denen einer, der Zenturio, mit seiner Hand auf 
Christus deutet, auch er, wie Longinus, bekehrt durch das plötz- 
liche Erkennen der göttlichen Natur des am Kreuz Gestorbenen. 
Ein anderer bläst die Fanfare. 
In der oberen, durch einen Kleeblattbogen abgeschlossenen 
Bildzone erscheint die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Der 
Maler zeigt Christi erstes Wirksamwerden in der Welt vor dem 
Hintergrund einer kargen, unwirtlichen Felslandschaft, aus 
deren Rissen und Spalten gleichwohl zartes Grün hervorbricht. 
Sie setzt sich bewußt gegen den Goldgrund der Kreuzigungs- 
szene ab, in welcher Christus die Welt bereits überwunden hat. 
Die Könige haben die Aufsicht über ihre Pferde einem Diener 
anvertraut. Kostbare Gefäße überreichen sie dem Christuskind, 
das, wie zur Vergewisserung, im Ergreifen eines Geschenkes 
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den Blick zurück zur Mutter wendet, von ihren Händen fürsorg- 
lich umfaßt. Hinter Maria kauert Josef auf nacktem Fels, fast 
unbeteiligt das Geschehen beobachtend. Einer der Könige 
schaut über den bethlehemitischen Stall und das eigentliche 
Bildfeld hinaus auf den Giebel des Rahmens, auf den im außer- 
oder überweltlichen Bereich erscheinenden, von zwei Engeln 
angebeteten Christus des Jüngsten Gerichtes !. 
Drei hohe Erscheinungsformen Christi werden somit in dem 
kleinen Täfelchen geschildert: Christus als Kind, dem die Herr- 
scher der Welt ihre Huldigung entgegenbringen; als Gekreuzig- 
ter, der den Opfertod erleidet; als Weltenrichter, der die Mensch- 
heit in Selige und Verdammte scheidet. 
Nicht nur kompositorisch, auch koloristisch hat der Maler das 
Tifelchen sorgsam ausbalanciert. Helle und dunkle Farben hal- 
ten sich gegenseitig die Waage. WeiD, zartes Rosa und helles 
Gelb stehen als belebende Akzente Braun, Grün und Blau 
gegenüber. Das kräftig aufleuchtende Zinnoberrot aber betont in 
den Gewändern des Weltenrichters, des Kônigs und der Maria 
Magdalena die vertikale Bildmittelachse, greift in der unteren 
Bildzone auf die AuBenpersonen über, auf Pankratius, Augu- 
stinus (?) und Georg und unterstreicht die horizontale Anord- 
nung der sieben Heiligen, die gleichsam das Fundament der 
Tafel bilden. 
Noch in dem 1931 erschienenen Katalog der fürstlich-liechten- 
steinischen Gemáldegalerie wird die Tafel als ein Werk Giottos 
aufgeführt, ungeachtet der Tatsache, daB van Marle und Venturi 
sie bereits 1921/22, bzw. 1927 mit Giovanni Baronzio, einem 
riminesischen Maler, in Verbindung brachten. Tatsáchlich zeigt 
sich die Malerei Riminis im 14. Jahrhundert durch Giottos dort 
geschaffenen, heute jedoch verlorenen Freskenzyklus, der ver- 
mutlich Szenen aus dem Leben Christi darstellte, stark beein- 
fluft. Auch sein auf Holz gemaltes Kruzifix im Tempio Malate- 
stiano dürfte stilbildende Wirkung gehabt haben. So liegt eine 
Zuschreibung der Tafel an den groBen Florentiner zwar durch- 
aus nahe, làft sich aber stilkritisch nicht mehr rechtfertigen. 
Baronzios Werk allerdings leitet sich aus einem einzigen, 1345 
datierten und mit «Iohannes Barontius de Arimino» signierten 
Gemüàlde ab, das sich in der Galleria Nazionale delle Marche in 
Urbino befindet. Wie van Marle und Venturi sehen auch Beren- 
son und Boskovits zwischen diesem und der liechtensteinischen 
Tafel ausreichende Übereinstimmungen, um sie der gleichen 
Hand zuzuweisen. Volpe hingegen unterscheidet einen «Pseudo 
Baronzio», dem er auBerdem die Kreuzigungen in der Pinaco- 
teca Nazionale in Bologna und in den Vatikanischen Museen, 
sowie das Dossale Corvisieri in der Galleria Nazionale in Rom 
zuordnet. Freuler fragt kritisch, ob diese kleine, aber kohärente 
Werkgruppe wirklich von Baronzios Oeuvre getrennt werden 
müsse. U.W. 
! Freuler sieht in den knienden Figuren Maria und Johannes den Täufer als 
Fürbitter der Menschheit, mit Christus zur Deesis-Gruppe vereint. 
Ausstellungen und Literatur: Seite 146 
  
 
	        

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