Volltext: Fünf Jahrhunderte italienische Kunst aus den Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein

  
  
   
Kat. Nr. 55 
GIANFRANCESCO SUSINI (dok. 1610—1653) 
«VENUS VERBRENNT DIE PFEILE AMORS» 
(Florenz, 1638) 
Bronze, golbraune Patina, Reste dunkelbraunen Lacks 
Hóhe 56,2 cm 
Auf dem Köcher bezeichnet: IO. FR. SVSINI. FLOR. F./MDCXXXVIII 
Inv. Nr. S 542b 
Erworben: vor 1658 vermutlich durch Fürst Karl Eusebius 
Eine stehende, weibliche Figur, deren Unterkórper eine Drape- 
rie verhüllt, hált in ihrer Rechten ein Bündel Pfeile, deren Spit- 
zen von einem in der Linken gehaltenen Flammenbündel um- 
geben sind. Ihren Kopf wendet die Frau einem neben ihr stehen- 
den geflügelten Knäblein zu, das weinend mit den Armchen 
zu seinem Kopf greift. Die Haare der Frauenfigur sind zu einem 
Zopf geflochten, der am Hinterkopf schneckenfórmig zusam- 
mengelegt ist. 
Die signierte und datierte Bronzegruppe bildet das Gegenstiick 
zu Kat. Nr. 54. In dem liechtensteinischen Inventar von 1658 
wird sie folgendermaßen beschrieben: «Item ein Venus, nebst 
ihr der Cupido stehet undt wainet, dass ihme seine Pfeil verbrent 
worden.» Susinis Biograph Baldinucci erwähnt ein Bronze- 
exemplar dieser Komposition mit der Angabe, daß es nach 
Lucca geschickt worden sei. Eine etwas unterlebensgroße, 1637 
datierte Marmorversion befindet sich in der Sammlung Sir 
Harold Acton bei Florenz (Pratesi 1993, Abb. 626). Die Aus- 
führungen in Bronze und Marmor unterscheiden sich formal 
nur geringfügig. Die kompositionelle Einbeziehung Amors 
erscheint bei der Bronze überzeugender. Gegenüber den kühlen, 
strengen Gesichtszügen der bronzenen Venus zeigt die Mar- 
morfigur ein sanftes Lächeln. Die Unterschiede könnten darauf 
hinweisen, daß es sich bei der Bronze um eine Weiterentwick- 
lung des Modells handelt. Die bekannten Bronzerepliken der 
Venus-Amor-Gruppen sind später als die liechtensteinischen 
Güsse entstanden. Ein 1639 datiertes Figurenpaar aus dem Be- 
sitz des berühmten Gartenarchitekten Andre le Nötre befindet 
sich im Louvre in Paris (Ausst. Kat. Wien 1978, Nr. 190, 191). 
Während sich für das Gegenstück mit der Bestrafung Amors 
sowohl literarische Quellen als auch thematisch entsprechende 
Vergleichsbeispiele aus dem Bereich der Kleinplastik oder der 
Graphik heranziehen lassen, ist die Darstellung mit der Ver- 
brennung von Amors Pfeilen sehr ungewöhnlich. 
Zwar weniger deutlich als bei dem Gegenstück, so wird doch 
auch in dieser Gruppe der Einfluß von Kompositionen Giam- 
bolognas spürbar. In ihrem Concetto, den gegenläufigen Bewe- 
gungen der Gliedmaßen und auch in der Kopfhaltung erinnert 
die Venusfigur an Giambolognas «Fiorenza», eine fast lebens- 
große Brunnenfigur, die sich ihre nassen Haare auswringt. 
Letztlich liegt dem Kompositionsschema Leonardo da Vincis 
Leda-Gemälde zugrunde, das allerdings nur in Kopien überlie- 
fert ist. Besonders in ihren fülligeren Körperformen und 
aufgrund der Ausbreitung in die Fläche veranschaulicht Susinis 
Frauenfigur den Stilwandel gegenüber Giambologna. In 
ähnlicher Weise wie Susini Bilderfindungen Giambolognas 
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aufgreift, rezipiert er auch antike Vorbilder, die ihm durch sei- 
nen Studienaufenthalt in Rom und seine Tätigkeit als Kopist 
antiker Bildwerke bestens vertraut waren. Das Gewand der 
Venus, das die rechte Hüfte der Göttin kokett herausstellt, ist 
ohne die genaue Kenntnis antiker Bildwerke kaum in dieser 
Form vorstellbar. Noch deutlicher als bei den scharf geschnitte- 
nen, giambolognesken Faltenformationen der Bronzefigur zeigt 
sich die Nähe zu antiken Vorbildern bei dem plissierten Gewand 
der oben erwähnten Marmorversion. 
Die rührende, lebensecht charakterisierte Gestalt des Cupido, 
die in Kontrast zu der artifiziellen Frauenfigur steht, erinnert an 
antike Erotendarstellungen. Stilformen des Barock werden in 
der dekorativen Haargestaltung der Venus spürbar. In den 
Venus-Amor-Gruppen gelingt Susini sozusagen eine Renais- 
sance des «antiken Rokoko», wo Darstellungen der Venus oder 
thematisch verwandte Sujets, wie Amor und Psyche, besonders 
beliebt waren. 
Es wäre unzutreffend, würde man Susini aufgrund seiner Verar- 
beitung verschiedener Vorbilder als Eklektiker bezeichnen. Sein 
synthetischer Stil resultiert aus einer kreativen Auseinanderset- 
zung mit den für ihn mustergültigen Vorbildern — Giambo- 
logna und die Antike; er wird durch die meisterhafte Ausfüh- 
rung seiner Bronzen erhöht. Dies gilt besonders für die bei- 
den liechtensteinischen Venus-Amor-Gruppen, deren geglättete 
Oberflächen und prägnante Formen zur kühlen Eleganz der 
Frauenfiguren beitragen. VK. 
Ausstellungen und Literatur: Seite 159 
  
 
	        

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