Volltext: Peter Kaiser

  
  
Historiographie 
Graubündens 
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«System des Gleichgewichts» — als dasjenige der Heiligen Allianz und 
Klemens Metternichs — hätten alles erstickt, Selbstzweck, Selbstbestim- 
mung, Freiheit, Landstände und Parlamente zu «Reliquien» reduziert und 
«Volk und Land» als Mittel zum Zweck missbraucht. Kaiser, damals Repu- 
blikaner, entschieden antimonarchistisch und überzeugt vom Gedanken 
der Selbstbestimmung des Einzelmenschen und der Volkssouveränität, 
klagt die politische Verfassung seiner Zeit und die Entmündigung des Vol- 
kes scharf an. Nur in Amerika sei die Revolution des Geistes frei und wirk- 
lich, weil kein Kolonialismus, weil «keine Erblichkeit die Verhältnisse» 
trübe. Hier scheint das damals viel vernommene Lob des grossen Staates 
durch, des Staatenbundes, und das von der schweizerischen Regeneration 
und Ignaz Paul Vital Troxler für die Eidgenossenschaft gewünschte ameri- 
kanische Modell der Volksvertretung,** das 1848 mit dem Zweikammer- 
system im Schweizerischen Bundesstaat realisiert wurde. 
Mit dem Wechsel von Aarau nach Disentis machte Kaiser nicht nur geo- 
graphisch einen Schritt Richtung Heimat, die ihn alsbald politisch in die 
Pflicht nahm, sondern vollzog auch, wie Iso Müller meint,?? «eine 
Abwendung von der Aufklárung zur Romantik, von den radikalen Ten- 
denzen zu den konservativ-liberalen Ideen». Von einem Geschichtsden- 
ker änderte sich der Pädagoge Kaiser zu einem Geschichtsforscher und 
Geschichtsschreiber Churrätiens und des Fürstentums Liechtenstein. 
Seit Beginn der Tätigkeiten in Graubünden nämlich befasste sich Kaiser 
mit der Geschichte des churrätischen Raumes. Graubünden konnte 
damals schon aufeine reiche historiographische Tradition verweisen.?! In 
Theodor von Mohr fand die Bündner Geschichtsforschung einen uner- 
müdlichen Sammler von Urkunden, der eine schliesslich 29 Bánde umfas- 
sende, monumentale Dokumentation mit rund 8000 Schriftstücken und 
449. Peter KAISER: Andeutungen über  schlins, Niklaus Sererhard, Peter Dominicus 
  
Geist und Wesen der Geschichte. IN: Pro- 
gramm (..) der Aargauischen Kantonsschule. 
Aarau 1830, S. 1—51, zu Amerika S. 41, 48 f. 
450. MÜLLER: Charakteristik, S. 65. — Vgl. 
MÜLLER: Geistesgeschichtliche Studie, S. 75 ff. 
— Diese Aussage dürfte so formuliert doch 
schwer zu halten sein. Kaiser, dessen politische 
Ideen dem in der Regeneration sich mächtig 
entfaltenden schweizerischen Radikalismus 
zu «liberal» und «obscurant» waren, galt den 
Bündner Klerikal-Konservativen als zu «radi- 
kal», als zu «freigeistig». 
451. PIETH: Bündnergeschichte. — FEL- 
LER/BONJOUR: Geschichtsschreibung. — 
Erinnert sei nur (bis ca. 1800) an die Namen der 
Geschichtsschreiber Ulrich Campell, Hans 
Ardüser, Bartholomäus Anhorn, Johann Guler 
von Wyneck, Fortunat von Juvalta, Fortunat 
Sprecher von Berneck, Ulysses von Salis-Mar- 
Rosius a Porta, Johann Ulrich von Salis-Seewis. 
452. KAISER: Theodor von Mohr (1794— 
1854). IN: Bündnerisches Monatsblatt 1854, 
S. 147 ff. — SCHMID: Theodor von Mohr, S. 123. 
453. MOOR: Bündnerische Geschichts- 
forsch. Gesellschaft, IN: Rátia 2 (1864), S. 1 ff. — 
PIETH: Übersicht über die Geschichte der 
Geschichtsforsch. Ges. u. d. HAGG, IN: Jahres- 
bericht der Hist-antiqu. Gesellschaft von 
Graubünden 1938. — Christian PADRUTT: 100 
Jahre Historisch-Antiquarische Gesellschaft. 
IN: 100. Jahresbericht der Historisch-Antiqua- 
rischen Gesellschaft von Graubünden 1970, 
S. XIII-XL. 
454. Über Theodor von Mohr orientiert 
neben der Biographie von Christian SCHMID 
auch das Bündnerische Monatsblatt 1955, 
S. 377—412 (Sondernummer Theodor von 
Mohr) sowie der Nachruf von Peter KAISER,
	        

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