Volltext: Fürst und Volk

die Möglichkeiten der Gebiets- und 
Machterweiterung gegangen, so stellte 
sich im Zeitalter der Nuklearwaffen 
diese Frage nicht mehr. Man wollte kei- 
nen Krieg mehr führen, der nicht auch 
«sinnvoll» beendet werden konnte. 
Weil die Supermáchte die Gefahr der 
Selbstvernichtung móglichst klein halten 
wollten, fand der Dritte Weltkrieg bisher 
nicht statt — auch wenn die äusseren 
Bedingungen für diesen letzten Schritt 
seit 1945 mehrmals vorhanden waren 
(Korea, Berlin, Kuba, Vietnam, Afghani- 
stan, Iran/Irak, Golfkrieg). Statt dessen 
wurden die Konflikte der Weltmächte 
vorwiegend in der Dritten Welt ausge- 
tragen («Stellvertreterkriege»). 
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 
haben über 200 kriegerische Auseinan- 
dersetzungen stattgefunden, ohne dass 
sich Ost und West direkt miteinander 
konfrontiert sahen. Der Kampf um die 
Vormacht der beiden Supermáchte wur- 
de in den letzten Jahren auf Kosten der 
armen Lánder ausgetragen. Und obwohl 
gerade in diesen Lándern das Wirt- 
schaftswachstum wenig entwickelt ist, 
steigen die Rüstungsausgaben von Jahr 
zu Jahr: Mitte der 80er Jahre haben die 
Entwicklungsländer 115 Milliarden US-$ 
jáhrlich für Rüstung ausgegeben. 
Andererseits leiden in diesen Ländern 
780 Millionen Menschen Hunger! 
Es ist offensichtlich: Die Staatsanschau- 
ungen haben sich im Laufe der Jahrhun- 
derte entscheidend gewandelt. Die Politik 
im alten Griechenland war beispielsweise 
eine Angelegenheit von regionaler Be- 
deutung, ohne «internationale» Wirkung. 
So konnte Platon noch fragen, wie denn 
der Staat glücklich werden kónne, und 
Epikur philosophierte über die günstig- 
sten politischen Lebensbedingungen für 
das Individuum. 
Ein solches «klassisches» Staatsver- 
standnis ist uns durch das Erlebnis 
zweier Weltkriege verlorengegangen. 
Die Politik hat — auch für Kleinstaaten — 
ihren «heimatverbundenen» Rahmen 
abgelegt und ist zur Weltpolitik gewor- 
den. Der einzelne Staat kann sich heute 
nicht mehr als Insel fühlen, losgelóst 
vom übrigen Weltgeschehen. Denn das 
Ende des Kalten Krieges darf nicht dar- 
über hinwegtáuschen, dass weltweit 
noch viele Probleme auf eine Lósung 
warten. Täglich werden wir mit dem 
Elend und der Not von Flüchtlingen oder 
von Katastrophenopfern konfrontiert; 
Völkermord und Rassendiskriminierung 
zeigen, dass die Menschheit noch weit 
entfernt ist von den Grund- und Men- 
schenrechten, die sie in ihren Verfassun- 
gen festgeschrieben hat. Wirtschaftlich 
droht der Graben nicht mehr nur zwi- 
schen Nord und Süd, sondern auch 
zwischen Ost und West gefährlich auf- 
zubrechen. 
Diese und andere Probleme übersteigen 
die Kräfte eines einzelnen; sie können 
nur gemeinsam gelöst werden. Deshalb 
sollte jeder Staatsbürger zum Weltbür- 
ger werden, wenigstens was sein politi- 
sches Denken und Handeln betrifft. 
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