Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2018) (2018)

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Hans Brunhart 
Am Sunnteg 
Der Sonntagmorgen begann in meinen Kinder- und 
Jugendjahren in Balzers wie jeder andere Morgen 
auch, um fünf Uhr mit dem «Taglüta». Während am 
«Tag des Herrn» jegliche Arbeit mit Ausnahme derje 
nigen in Haushalt und Stall ruhte, hatten die Kirchen 
glocken Schwerarbeit zu verrichten. Sie läuteten zur 
«Früamäss», dann zum Kindergottesdienst, besonders 
feierlich und lange zum Hochamt, am Nachmittag zur 
Andacht und am Abend zum Rosenkranz, und das je 
dreimal, zudem um elf Uhr zum Mittag und am Abend 
um sieben Uhr. 
In die Frühmesse gingen vor allem die Frauen, die ja 
nachher das am Sonntag aufwendigere Mittagessen 
vorzubereiten hatten. Schon am frühen Morgen hat 
ten die Bauern die Arbeit im Stall erledigt, die Kühe 
gemolken und die Milch in der «Tausa» 1 in die Sen 
nerei gebracht. Der Kindergottesdienst wurde für die 
schulpflichtigen Kinder gestaltet, mit viel deutschem 
Gesang, aber mit lateinischer Messe. Die Zeit bis zum 
Kirchgang war lang, und zur Kommunion sollte man 
ja «nüchtern» gehen, also ohne vorher zu essen. Wenn 
man trotzdem der Versuchung nicht widerstehen 
konnte und auch nur ein «Brotbrösmele» zu sich nahm, 
war man nachher von schlechtem Gewissen geplagt. 
Ins Amt gingen vor allem die Männer. Die Liturgie und 
der Gesang des Kirchenchors waren lateinisch und an 
hohen Kirchfesten wurde die heilige Messe in Kon- 
zelebration von drei Priestern gefeiert. Als Ministrant, 
der ich war, war man besonders stark vom Geschehen 
beeindruckt und konnte wenigstens die lateinischen 
Gebete am Altar mehr oder weniger auswendig. Das 
Amt war auch ein wichtiger Treffpunkt, da es noch 
keine Samstagabendmesse gab, ein ganz überwiegen 
der Teil der Bevölkerung die Sonntagsmesse besuchte 
und damit die «Sonntagspflicht» erfüllte. Einige mein 
ten auch, dass eine physische Anwesenheit im Kir 
chenraum von der Opferung bis nach der Wandlung 
für deren Erfüllung ausreichend wäre. Damit verpass 
te die Gruppe von Männern, welche üblicherweise 
vor der Kirche stand, nicht nur Epistel und Evange 
lium, sondern vor allem die Predigt und damit auch 
die mahnenden Worte des Pfarrers, des Kaplans oder 
des Kapuziners, die in ihrer Predigt dieser kirchlich 
bedenklichen Interpretation regelmässig widerspra 
chen. Die Männer erschienen im «Sunnteghääs» 2 meist 
mit Hut zum festlichen Gottesdient und der auf dem 
Kirchgang bereits gekaute «Schegg» 3 wurde rechts vom 
Kircheneingang auf einem Absatz der Steinfassade de 
poniert, nach der Messe hoffentlich am richtigen Platz 
wieder geholt und der weiteren Verwendung zuge 
führt. 
Nach dem Amt verlas der Gemeindeweibel, auf dem 
heute noch sichtbaren Stein beim Kircheneingang 
stehend, die amtlichen Bekanntmachungen der Ge 
meinde, das spätere Anschlagsbrett und die heutige 
Homepage. Zweimal im Jahr standen die Hühner im 
Mittelpunkt einer solchen Mitteilung: Es wurde be 
kanntgegeben, ab wann «das Freilaufen» der Hühner 
gestattet oder verboten war. Hingegen war die Be 
willigung, ob an einem schönen Sonntag nach einer
	        

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