Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2017) (2017)

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Schritt und schliesslich wäre denkbar, auch die Grenz 
konflikte mit den übrigen angrenzenden Gemeinden 
Sargans, Wartau, Triesen und Triesenberg in die Arbeit 
miteinzubeziehen, sodass schliesslich eine ganzheit 
liche Behandlung der Grenzkonflikte der Gemeinde 
Balzers entstehen könnte. 
Wie alles begann: Die Urkunde vom 
22. August 1389 
Mit der an einem Sonntag, am 22. August 1389 ausge 
stellten Urkunde, die allerdings nicht mehr im Origi 
nal vorliegt, erfahren wir zum ersten Mal von diesem 
Konflikt um Abgrenzungen von Weiderechten an der 
St. Luzisteig, so die hüte zu Balzers und ihre kirchen 
genossen an einem, dann die von Fhsch am andern theil 
gehabt haben von wegen der Waid an st. Luzis Staig. 4 
Der Anlass zum Streit ist klar und unmissverständlich 
angesprochen. Man kam sich beim Weidegang in die 
Quere und verbat sich gegenseitig die Nutzung der für 
sich selbst beanspruchten Weidegründe. Von stöss und 
misshellungen ist die Rede, und auch wenn dieser Aus 
druck bei Konflikten in mittelalterlichen Schriftzeug 
nissen immer wieder auftaucht, darf dahinter doch 
mehr als nur eine blosse nichtssagende Redewendung 
vermutet werden. Es ist durchaus vorstellbar, dass es 
zwischen den Konfliktparteien nicht selten handfest 
zur Sache ging. 
Die um gute Weideplätze für ihr Vieh besorgten Bau 
ern und ihre Hirten werden sich kaum auf langwierige 
Diskussionen mit der Gegenseite eingelassen haben. 
Mit Schimpfworten war man wohl schnell zur Hand 
und dass ein solcher gegenseitig beleidigender Wort 
wechsel schliesslich in stöss 5 ausartete, in ein Handge 
menge, ja mitunter in einen veritablen Raufhandel, ist 
gut vorstellbar. Mit misshellungen 6 dagegen versuchte 
man eher den Umstand festzuhalten, dass der Anlass 
zu diesen schliesslich in Handgreiflichkeiten ausgear 
teten Streitigkeiten eigentlich in wohl schon seit länge 
rer Zeit andauernden unliebsamen Zerwürfnissen lag. 
Für die Konfliktparteien stand viel auf dem Spiel, denn 
die Angst, gute Weideplätze an die Konkurrenz zu ver 
lieren, war zweifellos von existenzieller Natur, eine 
beide Seiten befriedigende Lösung untereinander zu 
finden daher umso schwieriger. Aber hatten die Bau 
ern von Balzers und Fläsch überhaupt versucht, eine 
gütliche Einigung zu finden? Und hätte es überhaupt 
in der Kompetenz der beiden Dorfgenossenschaften 
gelegen, diesbezüglich rechtlich bindende Abmachun 
gen untereinander zu treffen? 
Eine mögliche Vorgeschichte 
Unsere Urkunde hält also fest, dass ein wie auch 
immer ausgetragener Streit um Weidegründe zu ihrer 
Ausstellung geführt hat. Es stellt sich daher zunächst 
die Frage, was hätten die Konfliktparteien unterneh 
men können, um sich ohne grossen, nicht zuletzt auch 
finanziellen Aufwand über die Nutzung der strittigen 
Weiden zu einigen? Als die Parteien an diesem August 
tag 1389 an das mit vier hochgestellten Amtsleuten aus 
der Region bestellte Schiedsgericht unter Leitung von 
Graf Johann I. von Werdenberg-Sargans gelangten - 
auf das Urkunden-Personal, die Schiedsrichter und die 
Parteienvertreter wird zurückzukommen sein -, muss 
te ihr Konflikt ein Ausmass erreicht haben, das nach 
einem endgültigen Urteil verlangte, nach einer klaren 
Entscheidung, die von den Parteien zu akzeptieren war 
und durchgesetzt werden konnte. Ein solchermassen 
verlangter Schiedsspruch brachte aber zwangsläufig - 
und das war man sich hüben wie drüben zweifelsohne 
bewusst - Gewinner und Verlierer mit sich. Ein solcher 
letzter Schritt war daher gut zu überlegen und wird 
wohl nur als allerletzte Möglichkeit zur Beendigung 
eines von den Parteien selbst nicht mehr zu lösenden 
Konflikts in Betracht gezogen worden sein. 
Das mittelalterliche Recht kennt zur Erledigung von 
Grenzstreitigkeiten ein besonderes Verfahren, den 
sogenannten Untergang 7 . Dabei handelt es sich um 
ein rein mündliches Verfahren zur aussergericht- 
lichen Konfliktvermeidung und -regelung, das aus 
den Schriftquellen allenfalls indirekt zu erschliessen 
ist, insbesondere dann, wenn ein Streit schliesslich 
einem Schiedsgericht vorgelegt werden musste, um 
eine endgültige gerichtliche Lösung zu erreichen. Die 
von den Konfliktparteien angerufenen Untergänger, 
geachtete und ortskundige Persönlichkeiten aus der 
Dorfgenossenschaft, zogen dabei mit den Parteien hi 
naus ins umstrittene Gebiet - daher die Bezeichnung 
Untergang bzw. untergehen, das Hinausgehen auf die 
Flur -, suchten an Ort und Stelle allenfalls vorhande 
ne Grenzzeichen auf und versuchten aufgrund ihres 
vorgenommenen Augenscheins im Streit zwischen den 
Kontrahenten gütlich zu vermitteln.
	        

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