Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2017) (2017)

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Zufall, dass die beiden im Hungerjahr starben, obwohl 
Männer in ihrem Alter kaum Opfer der Hungerkrise 
wurden? Liess man sie aufgrund ihrer Behinderung 
verhungern? 
Erwähnt sei hier auch noch der Fall eines jungen Balz- 
ners, der 1817 im Schwabenland verstarb: Im Sterbe 
register ist unter dem 29. März 1817 ein Fidel Foser 
verzeichnet, der in «Bainty in Suevia», also in Baindt 
[in der Nähe von Ravensburg], verstarb. Fidel Foser 
war 18 Jahre alt. Als Todesursache wird «fehris nervosa», 
also «Nervenfieber» (bzw. Flecktyphus] angegeben. 
Diese Krankheit trat oft als Folge von Mangelernäh 
rung und mangelnder Hygiene auf. 
Statistische Auswertung des Pfarrbuchs 
Grafik 2 zeigt, dass 1816 die Zahl der Verstorbenen 
noch im üblichen Bereich war, 1817 aber im Vergleich 
zum Vorjahr auf das Anderthalbfache stieg. Die Miss 
ernte von 1816 wirkte sich ab Herbst 1816 aus. 
1818 war die Hungerkrise überwunden, die Zahl der 
Verstorbenen zeigt wieder einen «normalen» Wert. 
Bei den Geburten ist eine zeitliche Verschiebung 
festzustellen: 1817 zeigte sich der zu erwarten 
de Rückgang noch nicht, erst 1818 ging die Zahl 
der Geburten dann um 30 Prozent zurück. Diese 
«Verzögerung» ist wohl damit zu erklären, dass sich 
durch die Mangelernährung die Fruchtbarkeit der 
Frauen 1817 verschlechterte, was sich mit einer 
Verzögerung von neun Monate auf die Zahl der 
Geburten auswirkte. Die Wahrscheinlichkeit einer 
Konzeption wurde durch den schlechten Ernäh 
rungszustand geringer. Bereits 1819 stieg die Zahl 
der Geburten wieder deutlich an - auch hier zeigt 
sich, dass die Folgen der Hungerkrise schon 1818 
weitgehend überwunden waren. 
Im Weiteren habe ich mir die Frage gestellt, ob sich 
die Krisenjahre 1816/17 auf die «Saisonalität» der 
Geburten und Todesfälle ausgewirkt hat. Bei den 
Geburten zeigte sich 1817 kein klarer Unterschied 
zu einem Normaljahr [das heisst am wenigsten Ge 
burten im Frühjahr]. 1818 hingegen war ein Un 
terschied festzustellen: Im ersten Halbjahr wurden 
weniger Kinder als üblich geboren, in der zweiten 
Jahreshälfte stieg die Zahl der Geburten deutlich an. 
Zu erklären ist dies wohl damit, dass sich mit der 
guten Ernte von 1817 der Gesundheitszustand der 
Frauen wesentlich verbessert hatte. 
Bei der «Saisonalität» der Todesfälle [Grafik 3] kam 
es von April bis August 1816 nur zu einem Todesfall, 
was aussergewöhnlich war. Die Missernte von 1816 
liess also die Zahl der Verstorbenen nicht unmittelbar 
ansteigen, sondern erst ab Oktober 1816. Im Feb 
ruar/März 1817 sank dann diese Zahl auf die nor 
male Höhe, stieg aber in den Sommermonaten 1817 
wieder auf ungewöhnliche hohe Werte. Der Hunger 
und seine Begleiterscheinungen wirkten sich also vor 
allem 1817 aus. 
Interessiert hat mich auch die Frage, wen die Hun 
gerkrise besonders stark betroffen hat. Aus anderen 
Quellen wissen wir, dass dies vor allem die armen 
heute waren, die keine Vorräte hatten und es sich 
nicht leisten konnten, die stark überteuerten Nah 
rungsmittel zu kaufen. Um diese Aussage auch für 
Balzers unter Beweis zu stellen, fehlen die Quellen. 
Untersuchen kann man das Verhältnis von verstorbe 
nen Kindern zu den verstorbenen Erwachsenen, das 
Geschlecht und die Altersstruktur der Verstorbenen. 
Grafik 4 zeigt, dass die Zahl der verstorbenen Er 
wachsenen viel stärker angestiegen ist als die der ver 
storbenen Kinder. 
Wenn man die Verstorbenen im Jahr 1817 nach Alter 
und Geschlecht untersucht, so stellt man fest, dass bei 
den Verstorbenen im Erwachsenenalter zwei Drittel 
Männer waren und nur ein Drittel Frauen. Sowohl 
bei den Männern als auch bei den Frauen waren die 
meisten Verstorbenen über 40 Jahre alt, nur wenig 
heute sind im Alter zwischen 10 und 40 verstorben. 8 
Die Grafiken 5 und 6 bieten insofern eine Überra 
schung, als in den Jahren 1817 und 1818 der Anteil 
der Kinder an allen Verstorbenen zurückgegangen zu 
sein scheint. Diese Beobachtung kann man auch in 
Schaan machen: Aus den mir von Eva Pepic-Hilbe zur 
Verfügung gestellten Daten für Schaan geht hervor, 
dass in den Jahren 1817 [29 %] und 1818 [32 %] der 
Anteil der Kinder an der Gesamtzahl der Verstorbe 
nen unter den damals «normalen» Werten lag. Eine 
offensichtliche Erklärung dafür sehe ich nicht. 
Die Zahl der verstorbenen Kinder war vor allem im 
Jahr 1818 überraschend klein. Dass sie in den Jahren 
1819 und 1820 stark angestiegen ist, ist damit zu erklä 
ren, dass sehr viele Neugeborene starben. Die Ursache 
dürfte aber nicht mehr in der Hungersnot zu suchen 
sein, sondern bei einer Epidemie, die 1820 grassierte.
	        

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