Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2016) (2016)

50 
aber nicht diese Vorschriften an die Schulen abgegeben, 
sondern die deutschen Merkblätter, die sehr viel wis 
senschaftlicher, aber auch entschieden weniger leicht 
verständlich und weniger praxisnah waren. 
Die Verantwortung der Gemeinde: 
Gesundheitspolizei 
Auf den Bericht des Landesphysikus aus dem Jahr 
1892 reagierte Landesverweser Stellwag mit einem 
Erlass 10 an die Gemeinde Balzers: Zunächst wies er da 
rauf hin, dass gemäss Art. 99 des Gemeindegesetzes 
von 1864 der Gemeindevorsteher für die «Gesund- 
heits- und Reinlichkeitspolizei» zuständig war. Wenn 
also «Unzukömmlichkeiten» bestünden, sei es eine 
Pflichtverletzung des Ortsvorstehers, wenn er diese 
nicht behebe. Zu den Hauptursachen der Krankheit 
gehörten die Senkgruben der Aborte und die Jauche 
kästen, die oft derart überfüllt seien, 
«dass sie übergehen und ihr Inhalt in die den Ort durch 
ziehenden, grösstentheils nicht geräumten Strassengräben 
fliesst, dort stagniert und nicht nur die Luft, sondern auch 
die Wohnräume mit mephytischen 11 Dünsten erfüllt.» 
Der Landesverweser erteilte dem Vorsteher klare Wei 
sungen: Die Gemeinde müsse die Leerung der Jauche 
kästen kontrollieren und neue Rohrleitungen für die 
Wasserversorgung erstellen. 
Beseitigung der verschmutzten Pumpbrunnen 
Typhus-Erkrankungen traten in der Regel dort auf, wo 
die Leute Trinkwasser aus sogenannten Zieh-, Pump 
oder Kesselbrunnen holten oder Bachwasser verwen 
deten. Grundwasser war oft durch einsickernde Jauche 
oder Abwässer verschmutzt, nicht selten stank es. Bach 
wasser konnte durch weiter oben liegende Abwassergrä 
ber verschmutzt werden. Im Ortsteil Balzers beschrieb 
Schlegel 1892 vier Pumpbrunnen: 12 
• Der schlimmste Pumpbrunnen befand sich bei der 
Kirche «unter der Strasse in nächster Nähe des Fried 
hofes»: Dieses Wasser sei nie rein, habe einen üblen Ge 
ruch und werde dessen ungeachtet das ganze Jahr hin 
durch als Trinkwasser verwendet. Der Zusammenhang 
zwischen Friedhof und schlechtem Grundwasser war 
sicher schon damals bekannt, dass nichts dagegen un 
ternommen wurde, zeigt einen gewissen Fatalismus in 
Cypbus=merkblatt. 
¡Bearbeitet im T a i f c r li dj c « © c f tt n & h c i i $ a m t c. 
Unter banfcnSiücrtcr SDlitraüiung ber SRitgücbcr bc§ 9îclii)?=@eiunbf)citêratcê Herren 
©djetmer jO&er-SHebtâinalrat unb bortr. 9îat im Sîgi. fßreujj. ÜDUiiiftcrittm ber geifti. zc. Stn- 
geiegentjeiten^ßrofeffor Dr Äirdjnet, ©eheimerSßebigtnalratfßrofeffor Dr.SRoBertSîod) unb 
(Mjcimcr £)ûci'*9Jîebiginairat unb SJlebijinat^kfcrcnt im SJltniftcrium für ©Ifofcöotljringen 
Dr. Sîrieger. 
1. 9Bcfcn ber Trautheit. £>er £pphuS, and) SDarmtppIjuS, Unter* 
IcibStppIjuS, Slieruenfieber ober (Sdjleimfieber genannt, ift eine anftedenbe 
Trautheit, meldje burd) eine beftimmte SBatterienort, ben StpphuSbagißuS, 
heroorgerufen mirb. Sind) Diele ber als gaftrifcheS Sieber begegneten dr* 
trautungen ftnb cd)te StpphuSfäße. 
2. SBcrtauf ber Trautheit. SDie Trautheit beginnt fchleidjenb mit 
Topfmelj, Slppetitlofigfeit unb SUiottigteit. SllSbonn [teilen fic^ lieber, 
Sröfteln unb £»i£e ein, nad) beren ^Beginn bie meiften Oranten halb beit* 
lägerig merben. daneben treten £)urd)fäße non I;eilgetber Sarbe auf, ba§ 
lieber nimmt üon Stage gu Sage gu unb fteigt gegen dnbe ber erften 
Trantf)citSmod)e bis gu 40° unb höher. 2)er Trante mirb oon ftariem £)urft 
gequäit, [eine 3nnge ift belegt unb, ebenfo mic bie Cippen, troden, [ein 
(Sd)lof unruhig. Sn ber gmeiten Söodje, mährenb metcher baS Sieber gleich* 
mäfeig [)odj gu [ein pflegt, erfolgt meift eine erheblidje Abnahme ber Prüfte, 
oud) treten drfcheinungen Oon feiten be§ SlieroenfpftemS, toie Genommen* 
heit ober tobfüdjtige Unruhe auf. 3 U tiefer 3eit geigen fid) auf ber SBruft, 
bem S3aud), häufig auch an ben SDberfdjenfeln oereingelte fiohftid)äf)nIidje 
hodjrote Siede (roseola), meidje ouf Singerbrud oerfdjminben, jebod) beim 
iftadjiafe beS £)rudeS [ofort gurüdteljren. Stur [eiten fehlen ßungen* 
erfdjeinungen (Katarrhe); guincilen treten ßungenentgünbungen auf. 
SOiit ber britten 2Bod)C beginnt baS Steher langfam unb ftufenmeife 
ftneber abgufalten unb bei günftigem Verlauf ift bie Tranfheit meift am 
dnbe ber 4. Söodje als abgelaufen gu betrauten. Sebodj bebürfen bie de* 
nefenben gu ihrer oößigen 2öieberl)crfteilung oft noch einer monatelangen 
drholung. Sn ungünftig üerlaufenbcn Säßen bleibt baS Sieber bauernb 
hod), ber Träfteoerfall unb bie Unruhe beS Uranien nehmen gu unb in ber 
4. ober 5. 2öod)e erfolgt ber Stob. SBcfonberS üble 3mifdjenfäße tonnen ben 
Stob fdjon früher herbeiführen. £)ie ©terblidjteit, meldje burd) eine an* 
gemeffene 23e()anblung unb pflege fehr oerminbert ioerben tonn, fchmantt 
gmifdjen 5 unb 15 öom ^unbert ber drtrantten. 
Sieben ben Säßen mit fdjmeren drfdjeimmgen fommen, mie bei anberen 
übertragbaren Trautheiten, folche mit leisten drfdjeiuungen unb geringen 
SBcfdjmerben oor, namentlich hei Tinbern. 
3. Söehaublung ber Trautheit. '’Dian oerfäume ja nicht, red)tgeitig 
ben 9iat. eines SlrgteS einguholen. £)a bie Trautheit mit einer defdjmürS* 
bilbung im SDarm einhergeht, barf bem Tranten mährertb ber Trautheit 
unb ber denefung nur bie oom Slrgte oerorbnete Nahrung gereicht merben. 
Schier in biefer 0?id)tung tonnen bie an [ich bereits üorhanbenc Neigung 
gu (Darmblutungen in gefätjrlidjer Steife [teigem unb felbft ben Stob beS 
drtrantten infolge 3etreißenS beS DarmS an ben defdjmürfteßen 
herbeiführen. Diefe defaljr befteljt namentlich mährenb ber denefung, mo 
[ich bei bem Tranten ein ftarteS Hungergefühl einfteßt. dine gute Lagerung 
beS Tranten ift notmenbig, um bie defaljr beS ®urd)liegenS gu oer* 
mciben. ©o lange Sieber befteljt, forge man in geeigneter Söeife für pflege 
bcS SDlunbeS unb (Stillung beS ^urftgefühlS nad) näherer Slmoeifung beS 
SlrgteS. diner forgfamen Trantenpflege oerbanten felbft «Schmertronte oft 
ihre deuefung. 
Typhus-Merkblatt aus Deutschland t das 1905 an die Schulen in 
Liechtenstein abgegeben wurde. 
der Bevölkerung. Schlegel forderte, dass die Gemeinde 
diesen Brunnen durch einen Brunnen mit frischem 
Quellwasser ersetzen müsse. Dr. Albert Schädler 
hatte diesen Brunnen schon zwei Jahre vorher mit 
sarkastischen Worten kommentiert: Er bezeichnete 
den Brunnen als «ein passendes Wahrzeichen für eine 
Typhus gemeinde am Dorfeingange von Balzers unter 
dem - FriedhofeJ» u
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.