Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2016) (2016)

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vier tote, bereits vertrocknete Neugeborene auf dem 
Estrichboden. Zwischen den Dachlatten im Firstbe 
reich konnte der dunkle Kopf einer eher kleinohrigen 
Fledermaus ausgemacht werden. Als dann im Ober 
geschoss unmittelbar neben der Treppe zum Estrich 
ein noch lebendes Jungtier gefunden wurde, das 
Stufe um Stufe die Estrichtreppe heruntergeplumst 
und unter der Estrichtüre durchgekrochen war - wir 
hatten es beim Aufstieg zum Dachstock schlichtweg 
übersehen -, war der Quartierstatus endgültig geklärt. 
Es handelte sich um eine junge, rund zwei Wochen 
alte Breitflügelfledermaus, die eindeutig zu einer im 
Dachstock wohnenden Wochenstubenkolonie dieser 
Art gehörte. Am 17. und 18. Juli wurden Ausflugszäh 
lungen durchgeführt. Sie ergaben 16 beziehungsweise 
18 ausfliegende Fledermäuse, was bei Wochenstuben 
dieser Art einem durchschnittlichen Alttierbestand ent 
sprach. Bei der Kontrolle vom 20. August wurde neben 
zwei weiteren mumifizierten Jungtieren ein noch le 
bendes, frisch flügges Jungtier auf dem Boden liegend 
gefunden. Es war sichtlich geschwächt, erholte sich aber 
nach kurzer Pflege und guter Fütterung rasch, so dass es 
schon zwei Tage später wieder ins Quartier zurückge 
bracht werden konnte. 
Typischerweise waren die Breitflügelfledermäuse trotz 
der zahlreichen Kontrollen nur selten direkt zu beob 
achten. Während sie sich tagsüber meist im Zwischen 
dach versteckten, konnte man sie mit etwas Glück am 
Abend vor dem nächtlichen Jagdflug regelmässig im 
Firstbereich beobachten, dort, wo der Schindelunterzug 
fehlte beziehungsweise nicht ganz schloss und den Blick 
unter das Ziegeldach frei gab. Bei grosser Ehtze war dies 
manchmal auch tagsüber möglich. In der Regel war 
ein Rendezvous nur von kurzer Dauer, denn die Fle 
dermäuse fühlten sich durch das Lampenlicht gestört 
und wichen sehr rasch ins Zwischendach zurück. Diese 
scheue Lebensweise ist bei der Breitflügelfledermaus 
besonders ausgeprägt und macht deshalb eine exakte 
Bestandeserfassung im Quartier unmöglich. 
Schutzmassnahmen für das Fledermausquartier 
Mit einem internen Gutachten hatte Silvio floch die 
Gemeinde Balzers bereits frühzeitig auf das bedeuten 
de Fledermausquartier aufmerksam gemacht. Es ist den 
kommunalen Behördenmitgliedern hoch anzurechnen, 
dass sie bereits von Beginn weg die Anliegen des Fleder 
mausschutzes ernst nahmen und immer ein offenes Ohr 
für die Vorschläge zugunsten der Fledermäuse hatten. 
So konnte im Auftrag der Gemeinde Balzers der Biolo 
ge René Güttinger für die Beratung und Baubegleitung 
beigezogen werden. Während der Renovierungsarbei 
ten führte Silvio floch, gemeinsam mit der Biologin und 
Mitarbeiterin im Liechtensteiner Fledermausschutz, 
Monika Gstöhl, regelmässige Dachstockkontrollen und 
Ausflugzählungen durch. Beide führten als Erfolgskon 
trolle ihr Zählprogramm auch nach Abschluss der Re 
novierung weiter [Details dazu auf Seite 37]. 
Es galt nun, die Wünsche der Bauherrschaft mit den 
Bedürfnissen der Fledermäuse in Einklang zu bringen 
und so eine fledermausverträgliche Renovierung anzu 
streben. Angesichts der überregionalen Bedeutung des 
Fledermausquartiers war es unerlässlich, beim Umbau 
des alten Pfarrhauses die Anliegen des Fledermaus 
schutzes in vollem Umfang zu berücksichtigen. Konkret 
waren folgende Problemfelder anzugehen: Als erstes 
sollten mögliche Konflikte zwischen Bauvorhaben und 
Fledermausschutz eruiert werden. Zweitens sollten 
davon ausgehend Vorschläge für konkrete Massnahmen 
zum Schutz der Fledermäuse formuliert und der Bau 
kommission präsentiert werden. Und drittens sollten 
während der Bauphase die Umsetzung der durch die 
Baukommission abgesegneten Massnahmen sowie die 
Auswirkung der Bauarbeiten auf die Anwesenheit der 
Fledermäuse überprüft werden. Der frühzeitige Beizug 
eines fachkundigen Baubegleiters bot die Gewähr, die 
Bedürfnisse der Fledermäuse bereits in der Planungs 
phase zu berücksichtigen und beispielweise die Termin 
planung der Bauleitung mit der An- oder Abwesenheit 
der Fledermäuse zu koordinieren. 
An der Sitzung der Baukommission vom 19. Mai 2010 
waren die Anforderungen des Fledermausschutzes ein 
zentrales Thema. Es ging dabei um die Schutzvorkeh 
rungen während der Umbauphase, dem möglichst un 
eingeschränkten Erhalt des Fledermausquartiers sowie 
um die Perspektiven für eine künftige Nutzung des 
Dachstocks. Konkret legte die Baukommission folgende 
Vorkehrungen und Schutzmassnahmen fest: 
[1] Künftige Nutzung des Dachstocks: Von März 
bis Oktober [abhängig vom Wetterverlauf) dient der 
Dachraum des alten Pfarrhauses der Breitflügelfleder- 
maus als Fortpflanzungsquartier. Um dieses wichtige 
Fledermausquartier zu erhalten, ist eine Ganztagesnut 
zung des Dachraums durch Seminare und dergleichen 
grundsätzlich nicht möglich. Unproblematisch sind
	        

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