Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2007) (2007)

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ner, was kosten diese <Bibeli>?» Er antwor 
tete: «Drei Franken fünfzig das Stück.» 
Gleichzeitig erklärte er ihm: «Es handelt 
sich nicht um < Bibeln, sondern um zwölf 
Rebhühnchen.» Für drei Franken zwanzig 
nehme er sie, meinte der Ruggeller. «Aber 
das haben sie mich ja selbst gekostet», ent- 
gegnete Vettori. Er radelte weiter durchs 
Dorf, traf aber niemanden. Schliesslich er 
fuhr er, dass alle Frauen mit dem Handwä 
gelchen zum «Härdöpfelstegga» gegangen 
waren. Deshalb kehrte er zu dem Mann zu 
rück, der Interesse an den Hühnchen ge 
zeigt hatte, und fragte ihn, ob er ihm nicht 
etwas mehr zahlen könne. Für drei Franken 
dreissig verkaufte er sie dann. Sein ganzer 
Verdienst betrug somit nur einen Franken 
zwanzig. Bevor er den Heimweg nach Sar- 
gans antrat, leistete er sich aber trotzdem 
eine Cervelat für zwanzig Rappen sowie ein 
«Bürli» für fünf Rappen. 
Zu Fuss bis nach Ragaz 
SNotta Lisele gehörte zu jenen Frauen, die 
zu Fuss mit einem, oft sogar mit zwei gefüll 
ten Körben bis nach Ragaz gingen, um Eier 
zu verkaufen. Das war damals für viele die 
einzige Bareinnahme. «Gottafroh» sei so 
mancher gewesen, erzählt Vettori weiter, 
wenn man ihm einen «Chüngel» oder ein 
paar alte Hennen abkaufte. Im Vergleich da 
zu sei es ihm gut gegangen: «Ich habe mein 
Velo gehabt und meine <Bibeli>, mit denen 
ich von April bis September handeln konnte.» 
Ferien gab es keine. Das ganze Jahr hin 
durch sammelte Arnold Vettori Eier, die 
sein Vater bis ins Glarnerland verkaufte. 
Mit der Zeit stellten sich auch grössere 
Kunden ein, so zum Beispiel das Spital Wa- 
lenstadt oder Hotels, die ihm bis zu 200 
Eier pro Woche abnahmen - und das sei da 
mals, so Vettori, viel gewesen. 
Der Hoflieferant 
Ob weiss oder schwarz, die Farbe spielt für 
die Qualität der Hühner keine Rolle. Zum 
Schlachten war ihm die schwere Rasse am 
liebsten. Verkauft hat er aber alle. Er erin 
nert sich, dass Fürstin Gina von Liechten 
stein bei ihm zwanzig «Mistkratzerli» be 
stellte, und zwar «echte, nicht künstlich 
vergluckerte». Er versprach ihr, sein Mög 
lichstes zu tun. Unter «echt» verstehe man 
im Zusammenhang mit einem «Güggeli» 
eine junge Henne, die noch auf dem Mist 
stock herumkrabble. Daher komme auch 
der Name «Mistkratzerli». Das Fleisch sei 
unvergleichlich. 
Woher sollte er die Lieferung für das 
Schloss beziehen? Es fiel ihm ein, dass er 
ein paar Tage zuvor in Bendern gewesen 
war und dort zwei «Gluggera» und zwölf 
«Güggeli» gesehen hatte, die sein Herz hat 
ten höher schlagen lassen. Er kaufte sie alle 
und weitere dazu und brachte die ge 
wünschte Anzahl ins Schloss - alles echte 
«Mistkratzerli»! Köchin Julie habe ihm ver 
sichert, sie würden treue Kunden bleiben, 
wenn er sie immer so gut bediene. Die Kö 
nigin von England war damals zu Besuch 
im Fürstenhaus gewesen. Ein paar Tage 
später erfreute Fürstin Gina Arnold Vettori 
mit folgender Mitteilung: «Die Königin hat 
gesagt, so gute <Henneli> habe sie auf der 
ganzen Welt noch nicht gegessen.» 
Der kleine Unterschied: 
«gute» oder «schlechte» Hennen 
Vettori stellte eigene Zuchtstämme zusam 
men, die er gelegentlich auch verkaufte. Er 
wollte wissen, ob es «gute» oder «schlech 
te» Hennen gibt. Dadurch konnte er schon 
früh Erfahrungen sammeln, die andere 
nicht hatten. In der Folge hielt er Vorträge 
für Hühnerhalter und erstellte für diese so 
gar Expertisen, obwohl es in Zollikofen be 
reits eine Geflügelschule gab. 
Die Abgabe solcher Gutachten war nicht 
immer erfreulich. So musste er einem Be 
sitzer beispielsweise mitteilen, dass alle 
vierzig Hennen nichts wert seien. Ein ande 
res Mal - so weiss er zu berichten - fand er 
eine wunderschöne und feiste Henne zum 
Metzgen. Er nahm sie mit nach Hause und 
legte sie in der Waschküche auf den Tisch. 
Als sein Vater das Tier sah, erkundigte er 
sich, was er dafür bezahlt habe. Er erachtete 
den Preis als viel zu niedrig. «Beschissen 
hast du», habe sein Vater zu ihm gesagt. 
Deshalb suchte dieser am nächsten Tag die 
Frau auf, die Arnold die Henne verkauft
	        

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