Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2006) (2006)

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Das «Tappeiner-Haus», 
ehemals Wirtshaus 
«Hirschen», kurz vor 
dem Abbruch 1964. 
27 Zu den Streitereien 
rund um die Missach 
tung der Rodordnung 
siehe ausführlich bei 
Biedermann, wie 
Anm. 1, S. 107-135. 
28 Vgl. dazu mehrere Bei 
träge im Werdenberger 
Jahrbuch 1997, Bd. 10, 
Buchs 1996, das dem 
Thema «Strassen und 
Wege» gewidmet ist. 
29 Vgl. Simonett, wie 
Anm. 2. 
30 Ospelt, wie Anm. 7, 
S. 332. 
31 Simonett, wie Anm. 2, 
S. 69 und S. 71. 
32 Vogt, wie Anm. 4, 
Band II, S. 279. 
33 Vgl. Norbert Jansen 
und Pio Schurti 
(Hrsg.): Nach 
Amerika! 2 Bde. 
Vaduz/Zürich 1998, 
Bd. 1, S. 29/30. 
tätig waren, wurden die für sie bestimmten 
Waren entweder vorenthalten oder sie 
konnten die Warentransporte zwar tätigen, 
aber der Hausmeister in Feldkirch verwei 
gerte ihnen die Bezahlung der Fuhrlöhne. 
Zuerst begann Liechtenstein damit, die 
österreichischen Fuhrleute, welche die 
Rodordnung nicht befolgten, in Nendeln 
aufzuhalten. Später, als sich abzeichnete, 
dass die Rodordnung nicht weiter Bestand 
haben konnte, fingen auch liechtensteini 
sche Fuhrleute an, die Rodordnung zu 
missachten. 27 
Der Ausbau der Verkehrswege im späten 
18. und frühen 19. Jahrhundert beschleu 
nigte das Ende des Rodfuhrwesens. Dieser 
Warentransport in Etappen - bewerkstelligt 
durch lokale Bauern in einer festgesetzten 
Rodordnung - war nicht mehr konkurrenz 
fähig. In Liechtenstein kam das Rodfuhr 
wesen endgültig zum Erliegen, als der 
Kanton St. Gallen in den 1820er-Jahren 
eine neue Rheintalstrasse baute. 28 Etwas 
länger hielt sich das Rodwesen in den 
Kantonen Graubünden und Uri (bis um 
1835). Noch um 1800 war in Graubünden 
lediglich die Strecke von der liechtensteini 
schen Grenze bis Chur zu einer modernen 
Fahrstrasse ausgebaut. Der Druck zum 
Ausbau der Alpenwege stieg aber ständig 
an. Besonders die seit 1760 befahrbare 
Passstrasse über den Brenner drohte schon 
früh, den Bündner Pässen den Transitver 
kehr wegzunehmen. Einen entscheidenden 
Anstoss zum weiteren Ausbau des Strassen- 
netzes gab dann die Hungersnot von 1817, 
die der Missernte des Vorjahres folgte. Das 
von Übersee her bestellte Getreide traf 
- nicht zuletzt wegen der schlechten Ver 
kehrswege - viel zu spät ein. In den Jahren 
1821 bis 1823 erfolgte schliesslich der Bau 
von befahrbaren Strassen über den San 
Bernardino und den Splügenpass. 29 1835 
wurde die Gotthardstrasse fertig gestellt. 
Vor allem die den Grosshandel forcieren 
den Städte Basel und Luzern hatten auf den 
Ausbau der Gotthardroutc sowie auf die 
Durchsetzung der freien Konkurrenz ge 
drängt, was die endgültige Abschaffung der 
Rodgenossenschaften nach sich zog. Ein 
Schweizer Bundesbeschluss hob dann 1861 
alle Rechte der Rodgenossenschaften ent 
schädigungslos auf. 30 Liechtenstein seiner 
seits hatte im Jahr 1858 mit der Eröffnung 
der Eisenbahnlinie Rorschach-Chur defini 
tiv seine jahrhundertealte Bedeutung als 
Transitland eingebüsst. 
Die von aussen erzwungene Auflösung des 
Rodwesens brachte für die bis anhin im 
Transportwesen tätigen Säumer und Fuhr 
leute eine deutliche Verschlechterung ihrer 
Erwerbs- und Lebensbedingungen. Für die 
jenigen, die über kein gespartes Geld und 
auch über keinen Rückhalt in der Land 
wirtschaft verfügten, blieb oft als einzige 
Perspektive die Auswanderung. Im Zeit 
raum von 1845 bis 1850 verliessen 118 
Personen die Bündner Talschaften Rhein 
wald und Schams. Die meisten stammten 
aus den Strassendörfern Splügen, Sufers, 
Nufenen und Andeer. 31 In Liechtenstein 
ebnete das Auswanderungspatent von 1843 
den Weg zur ersten Auswanderungswelle. 
Allein in den Jahren 1844 bis 1857 gingen 
117 Personen aus der Gemeinde Balzers 
nach Übersee. 32 Aus anderen liechtensteini 
schen Gemeinden emigrierten in diesem 
Zeitraum rund 140 Personen, was zeigt, 
dass Balzers einen überdurchschnittlich 
hohen Anteil an Auswanderern hatte. 33 In 
Graubünden hing die Auswanderung (auch) 
stark mit dem Ende des Rodfuhrwesens 
zusammen. In Liechtenstein mag dieser 
Faktor die Motivation zur Auswanderung 
ebenfalls verstärkt haben, da nun diese 
lukrative Einnahmequelle für die Bauern 
endgültig verschwand. Doch der Haupt 
grund für die Emigration aus Liechtenstein 
war wohl eher das überdurchschnittliche
	        

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