Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2004) (2004)

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Der Rheinpirat 
Emanuel Nipp 
Die Geschichte spielt in der unmittel 
baren Umgebung eines kleinen Dorfes 
am Rhein, das unschwer als Balzers 
ausgemacht werden kann. Gäbe, die 
Hauptfigur der Geschichte, ist zusam 
men mit einem halbwüchsigen Jungen 
aus der Dorfgemeinschaft ausgestossen 
worden. Seinen Lebensunterhalt ver 
dient er sich dadurch, dass er Reisende, 
Händler und die Rheinfähre überfällt. 
In einer langen, sagenähnlichen Rück 
blende erzählt Emanuel Nipp, wie es 
soweit kommen konnte. Als Aussen- 
seiter von den Dorfbewohnern meist 
gemieden, wird Gäbe von den Bauern 
vor allem dann aufgeboten, wenn es 
gilt, harte Arbeit für kargen Lohn zu er 
ledigen. 
Seit einiger Zeit nun droht allen Be 
wohnern des kleinen Dorfes - vor allem 
auf ihren Äckern und Wiesen - eine Ge 
fahr in der Gestalt eines Drachens, den 
sie allein nicht bannen können. So 
beschliesst man, Gäbe für Feldarbeiten 
anzuheuem in der Hoffnung, er werde 
sie damit gleichzeitig auch von dem 
Ungeheuer befreien. 
Gäbe war gerade dabei, sein Lieb 
lingspferd zu striegeln, wie plötzlich 
jemand auf seine einsam liegende Be 
stallung zukam. Als der Besucher 
nach Gäbe rief, erhob sich dieser hin 
ter dem gross gewachsenen Pferd Lind 
überragte dabei leicht dessen Schul 
tern. Gäbe war ein Hüne von Mensch, 
breitschultrig und bärenstark. Er war 
ein ruhiger, gutmütiger Mann, und 
auch der Umgang mit seinen Tieren 
war beispielhaft. 
Nun versuchte der Bauer aus dem 
Dorf, Gäbe zu überreden, Feldarbeit 
in einer Grössenordnung zli überneh 
men, die er so bisher noch nicht ge 
kannt hatte. Dabei waren ihm die 
Bauern die halbe Arbeit vom vergan 
genen Jahr noch schuldig. Bald aber 
machte Gäbe in seiner Gutmütigkeit 
dem Bittsteller eine Zusage, und so 
zog er eines Tages los, um den Bauern 
zu helfen, die Feldarbeit zu erledigen. 
Er nahm dazu vier seiner Rappen - 
«Kohle» genannt - mit, so wie immer, 
um die schwere Arbeit für die Pferde 
etwas zu erleichtern. 
Als er auf die Felder kam, ahnte er 
nicht, was ihn an diesem Tag erwar 
ten sollte. Er fuhr auf steinigen Wegen 
gegen Westen des Dorfes, vorbei an 
den letzten Häusern und war etwas 
erstaunt darüber, dass kaum ein 
Mensch zu sehen war. Deshalb hielt er 
kurz inne, um jemanden zu fragen, 
was eigentlich los sei. Doch der ange 
sprochene Mann zog sich eiligst in 
seinen Stall zurück. Hastig ver 
schwanden auch die Gesichter hinter 
den Vorhängen einiger Fenster. 
Bei den Feldern angekommen, spann 
te er zwei der Pferde an den Pflug, um 
dann bei Ermüdung derselben die 
beiden ausgeruhten einzuspannen. 
Wie immer begann der Fuhrmann sei 
ne Arbeit mit ein paar geschickten 
Griffen und ruhigen Kommandos an 
seine Tiere. 
Doch schon beim Einspannen an den 
Pflug waren die beiden Tiere unge 
wöhnlich nervös. Auch die beiden, die 
Gäbe stehen gelassen hatte, benah 
men sich seltsam. Normalerweise 
band Gäbe seine Pferde nie an. Er 
liess ihnen soviel Freiheit, wie sie nur 
brauchten; denn sie waren es ge 
wohnt, vor den Pflug oder einen Wa 
gen gespannt zu sein. Doch heute 
musste er die beiden an einem Baum 
festmachen. 
Weit führte die erste Furche in das 
Feld hinaus. Gäbe konnte nicht se 
hen, was hinter seinem Rücken ge 
schah. Steine im sandigen Boden Hes 
sen den Pflug knirschen. Die Schläge, 
die dadurch entstanden, fing Gäbe 
mit seinen kräftigen Armen auf. Ver 
lieft in Gedanken und in seine Arbeit, 
die er wie gewohnt gewissenhaft aus 
führte, stampfte er durch die frisch 
aufgerissene Erde. 
Ohne ersichtlichen Grund blieben die 
beiden Rosse auf einmal stehen. Sie 
reagierten nicht mehr auf die Worte 
des Fuhrmanns. Dann erfolgte plötz 
lich lautes Wiehern, und ein ihm un 
bekanntes Gebrüll liess Gäbe erschau 
dern. Er warf einen schnellen Blick 
über seine breite Schulter und erstarr 
te. Was er zu sehen bekam, konnte er 
nicht fassen: Ein Ungeheuer von nie 
dagewesenem Ausmass hatte seine 
zwei wartenden Pferde angegriffen. 
Verzweifelt versuchten sich die gros 
sen Tiere gegen die Angriffe des Lind 
wurms zu wehren. Doch vergebens! 
Nach kurzem Kampf waren beide tot. 
Verzweifelt verbarg sich Gäbe mit sei 
nen zwei verbliebenen Tieren hinter 
einer Hecke, um sich und seine Pferde 
vor dem Räuber zu schützen. Er 
musste sich sehr anstrengen, um die 
beiden Tiere ruhig zli halten. Gäbe 
konnte nur ohnmächtig Zusehen, wie 
das Ungeheuer sich gierig an eines der 
getöteten Tiere machte, um es zu fres 
sen. Es schleppte, nachdem es das ers 
te vertilgt hatte, das zweite in seinem 
Maul dem Wald entgegen, um sich 
oben in seine Höhle bei der Felswand 
zu begeben. Was für ein Unglück! 
Gäbe hatte zwei seiner besten Pferde 
verloren! 
Voller Zorn darüber, dass man ihn an 
scheinend absichtlich in die Falle ge 
lockt hat, begibt sich Gäbe ins Dorf, 
um den Verantwortlichen zur Rechen 
schaft zu ziehen. Gäbe entscheidet sich 
schliesslich, auch in seinem eigenen 
Interesse, den Kampf gegen den Lind 
wurm aufzunehmen. 
Zusammen mit einem Waisenjungen 
aus dem Dorf, dem er ein väterlicher 
Freund ist, begibt er sich in den Wald. 
Dort trifft er die nötigen Vorbereitun 
gen, um dem Ungetier den Garaus zu 
machen.
	        

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