Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2004) (2004)

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Jedes neue Leit-(Dorf-)Bild ist auch 
ein Versuch, aus bisherigen Erfahrun 
gen für die Zukunft zu lernen. 
Zeichnung von Sepp Buchegger 
tag einmal abseits von den Haupt 
strassen langsam durchs Land, dann 
macht - zumindest mich - die Leere 
melancholisch; Die Bewohner arbei 
ten nicht mehr am Ort, manchmal 
schiebt eine Grossmutter ihr Enkel 
kind durch die Strassen, wer Arbeit 
hat, Mann und Frau, ist auswärts, 
kein rauchender Grossvater sitzt 
mehr vor dem Haus, es gibt nichts 
mehr auf der Strasse zu sehen, er sitzt 
drinnen vor dem flimmernden Fern 
seher ... 
Ohne jetzt ins bequeme Leitbild der 
Dorfgemeinschaft zu fallen, sei noch 
ein - zunächst wohl überraschendes - 
Ergebnis der oben angeführten Kie 
bingen-Studie erwähnt, und das 
betrifft die Überlebenswirkung der (re 
lativ autonomen) symbolischen gegen 
über der aktuellen materiellen Ord 
nung (also von wegen: die Kinder leiden 
unter der Not ihrer Eltern und Gross 
eltern). Danach eröffnet das Fortbeste 
hen «alter, heute nicht mehr sinnvoll 
scheinender Zwänge» den Dorfbewoh 
nern ein «verblüffend problemarmes 
Leben in der modernen Gesellschaft». 
Auf der Basis solcher historischer 
Analysen formulierten Kulturwissen 
schaftler Anfang der 1980er Jahre die 
These vom «Leben in zwei Welten». Die 
arbeiterbäuerliche Doppelexistenz führ 
te dazu, dass Einkünfte aus aus- 
serdörflicher Arbeit den landwirt 
schaftlichen Kleinbesitz erhielten, was 
in Krisenzeiten eine gewisse Sicherheit 
und Selbstversorgung verlieh; und 
industrielle Entfremdungserfahrungen 
wurden in der Dorfgemeinschaft ein 
wenig kompensiert. 
Leitbilder 
Der dörfliche Eigensinn, den es je 
weils zu entziffern gilt, ist danach 
nicht das Festzurren alter Traditionen 
oder die Basis zum Aufbruch in die 
globale Moderne mit ihren vielfälti 
gen und wechselnden Anreizen und 
Zumutungen. Das Dorf wird - so die 
aktuelle Sichtweise - zum Alltagsort 
gesellschaftlicher Übergänge. Diese 
neue, komplexe Sicht auf das Dorf 
(wie z. B. auch die Devise «think glo 
bal - act local») führte selbstverständ 
lich auch zum Umdenken bei den 
Förderprogrammen. Alle Dorferneue 
rung - und das erleben wir in diesen 
Jahren im Zeitraffertempo in den 
neuen, ostdeutschen Bundesländern - 
verläuft fast gesetzmässig von aussen 
nach innen, von der Dorfflur in den 
Dorfkern, vom Materiellen zum Im 
materiellen, von der Architektur zur 
Kultur. Erst ein Dach über dem Kopf, 
dann Arbeit (meist braucht man dazu 
eine Strasse, um zur Arbeit fahren zu 
können), dann ein Wirtshaus und 
schliesslich Kultur, so Leopold Kohr 
schon in den 1960er Jahren in seinem 
Plädoyer für die kleinen Einheiten: 
«Man muss wieder, um die Glorie des 
Kleinen zu sehen, den politischen 
Sinn des Dorfes und den kulturellen 
Sinn des Dorfes wachrufen. Den Stolz 
darin sehen, dass es im Kleinen ist, 
wo man die Universalität des Geistes 
bekommen kann, und nicht im Gros 
sen. Die Grossstädter kennen die Na 
tur und die Dinge, die uns bewegen, 
nur dadurch, dass sie im Lexikon nach 
schlagen. Im Kleinen erfährt man das 
direkt persönlich.» 
Als man bis vor einem Jahrzehnt etwa 
noch genau wusste, was aus dem Dorf 
werden soll, entwarf man Leitbilder 
für die Dorfentwicklung. Ohne solche 
Leitbilder gab es aus den städtischen 
Zentralen keine Zuschüsse, also ent 
warf man Leitbilder. Ging es dabei zu 
nächst noch um Produktivitätssteige 
rung, ausgewogene Raumordnung, 
gleichwertige Lebensverhältnisse und 
vor allem ortsbezogenes Bauen und 
Erhalten, so sollten in den 1990er Jah 
ren dann die neuen soziokulturellen 
Leitbilder keine Patentrezepte mehr 
sein, sondern aktiven Bürgern mög 
lichst erfolgreiche Wege in die Zu 
kunft weisen. Auch hier ist eine gewis 
se kritische Vorsicht angebracht: Was 
sich oft als neuer Ansatz ausgibt, ist 
nicht selten lediglich das Auswech 
seln der Vorzeichen.
	        

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