Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2002) (2002)

26 
Italien gereist sind, haben sie vorher 
stapelweise Schokolade für ihre Fami 
lien gekauft. Das weiss ich, weil ich 
den Gesprächen im Laden oft zugehört 
habe. 
Wir fahren vorbei an der Praiawisch. 
Auf dieser Strasse haben wir uns als 
«Fasnachtsbutze» herumgetrieben. Da 
mals stand die alte Mauer noch, die 
die Strasse seitlich begrenzte. Bei der 
Neugestaltung der Strasse wurden an 
der Ecke Züghüsle/Pralawisch eine 
Tafel mit Informationen über das 
Dorf aufgestelll und im Advent ein 
Christbaum mit elektrischen Kerzen, 
der feierlich durch den Advent ge 
leuchtet hat. 
Das «Dorf» ist nicht weit. Ein Brand 
hat es verändert. Im Dorf gab es frü 
her eine «Institution». Als wir in der 
Schule verschiedene Berufsgruppen 
besprochen haben und der Lehrer ge 
fragt hat, wie man jemanden nenne, 
der Räder flicke und verkaufe, rief ein 
Mädchen mit grösster Selbstverständ 
lichkeit: «Funze» (Alfons Vogt). Beim 
«Funze» gab es auch «Töffle». 
Wenn ich an die «Töfflefahrer» denke, 
dann fällt mir s Heinerle (Heinrich 
Frick) ein. Tagtäglich, bei Wind und 
Wetter, kam er mit «Töffle» und An 
hänger, um die Post für die Balzers AG 
zu holen und zu bringen. 
Mit dem «Töffle» aufgefallen sind mir 
ausserdem zwei Frauen: s Gässle- 
Martes (Mariele und Lisele Brunhart). 
Eine der Schwestern fuhr, die andere 
sass seitlich auf dem Gepäckständer 
und hatte einen Rechen in der Hand. 
Wenn ich vom unsagbaren Reichtum 
der Geschwister erzählen hörte, 
passte das nicht in meine kindliche 
Vorstellung von «reich sein». Viele 
Jahre später hatte ich einmal die Ge 
legenheit, mich mit einer der Schwe 
stern zu unterhalten. Sie hat mir 
durch ihre Erzählung ein Stück ver 
gangene Lebenswelt vermittelt, was 
ich sehr geschätzt habe. 
Wie sehr meine Kindheit an einer 
Schnittstelle der wirtschaftlichen 
Entwicklung in Liechtenstein verlief, 
wurde mir u.a. mit der Erinnerung an 
ein schönes Pferd bewusst. Das Pferd 
stand ruhig vor der Metzgerei Brun 
hart, während über seine Zukunft und 
jene seiner Artgenossen diskutiert 
wurde. Männer standen um das Pferd 
herum und besprachen die Vor- und 
Nachteile von einem Traktor gegen 
über dem Einsatz von Pferden. Das 
schöne Pferd hatte keine Chance. Der 
Traktor war bereits gekauft, auch 
wenn der Käufer beim Sprechen weh 
mütig das Pferd tätschelte. 
Manche meiuei Erinnerungen gehen 
sehr weit in meine Kindheit zurück. 
Ich musste mich duich Nachfragen 
veigewissem Reim Zughüsle floss 
höher ein Bach, Treppen führten hin 
unter zum Wasser. Frauen wuschen 
die Wäsche im Bach. Die andere Er 
innerung ist klar - auf dem Vorplatz 
der Schmiede, ebenfalls beim Züg- 
hüsle, wird einem Pferd ein Bein 
hochgehalten. Der Schmied hämmert 
auf den Huf. 
Sehr viel hat sich in den Jahren mei 
ner Kindheit verändert, wurde schnell 
zur Selbstverständlichkeit, und dann 
änderten sich diese Selbstverständ 
lichkeiten auch: Zum Beispiel ist der 
Fixbau, der damals so modern war, 
inzwischen abgerissen. Daneben die 
Nigg-Garage, sie war irgendwann kei 
ne Garage mehr. Nicht weit davon 
entfernt gab es eine eindrückliche 
«Bauruine». Sie blieb Jahrzehnte un 
verändert. Es ist daraus das Restau 
rant/Bar/Hotel Römerhof entstanden, 
mit verschiedenen Verwandlungen. 
Die letzten Häuser von Balzers waren 
damals das Roxy und die Textilfabrik. 
Es dauert nicht lange, bis wir in 
Triesen sind. Dazwischen liegt ein 
wunderschönes Stück Natur, erinnert 
an Spaziergänge und Frühlingsblu 
men. Während ich noch meinen Erin 
nerungen nachhänge, fahren wir 
durch Triesen - wie auch früher meis 
tens. Heute aber fahre ich durch 
Triesen, durch Vaduz und schliesslich 
durch das ganze Land - in die Fremde.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.