Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2000) (2000)

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Angelo Schito (1946) 
Wie ich 1964 als junger Mann von Italien nach Liechtenstein kam, dachte ich zuerst, ich sei in der 
Schweiz. Damals war es «in», in die Schweiz zu gehen, und ich wollte die grosse weite Welt kennen 
lernen. Erst nach längerer Zeit, durch das Schreiben von Briefen nach Hause (denn damals schrieb man 
noch nach Hause, telefonieren war zu teuer) und meine Leidenschaft als Briefmarkensammler, ist mir 
aufgefallen, dass auf jeder Briefmarke der Name Liechtenstein zu lesen war. Liechtenstein? Was ist das? 
Was bedeutet dieses Wort? Bis ich schliesslich draufgekommen bin, dass Liechtenstein ein eigener Staat 
ist und noch einen Fürsten und eine Fürstin hat, dauerte es einige Zeit! 
Meine ersten Eindrücke von Balzers waren, dass es sehr klein war und es fast nichts gab. Obwohl mein 
Dorf, wo ich herkomme, auch nicht gross ist, gab es doch verhältnismässig mehr als in Balzers. Ich 
erinnere mich noch gut an den Dorfladen in Balzers, wo man die Büchsentomaten fast eine Woche 
vorher bestellen musste, um am Sonntag die Tomatensauce zu den Spaghettis kochen zu können. 
Mein inneres Gefühl sagte mir gleich von Anfang an, dass ich hier in Balzers etwas zur Gemeinschaft 
beitragen konnte. Ich spürte den grossen Idealismus der Jugendlichen, den Drang, etwas aus dem Leben 
zu machen. Das imponierte mir stark, weil ich selber diese Haltung hatte. 
Infolgedessen trat ich sehr schnell der Harmoniemusik Balzers bei. Die Aufnahme war äusserst herzlich 
und freundlich; einige Mitglieder entwickelten sogar väterliche Gefühle mir gegenüber. Waren das noch 
Zeiten, als wir im alten Probelokal auf dem Holzboden musizierten und den Takt mit den Füssen klopf 
ten, dass es nur so staubte! Auch meine Klarinette war eine Sensation: ein altes Böhm-System und dazu 
ein Mundstück aus Glas. Wie haben doch alle geschaut! Ich habe an diese Zeit schöne Erinnerungen, 
verbunden mit dem Gefühl, dass ich gebraucht wurde, dass man als Gemeinschaft etwas erreichen konnte. 
Kurz darauf gründete ich mit einigen Kollegen und einer Kollegin eine Tanzmusik. Die Namengebung war 
eine grosse Frage, denn man wollte nicht einen gewöhnlichen Namen aussuchen, sondern etwas Spezi 
elles. Wir einigten uns auf «The Sounders», was ein enormer Fortschritt in der damaligen Zeit war. Der 
erste Auftritt wird mir immer in Erinnerung bleiben, denn er war ein einmaliges Erlebnis. Wir besassen 
alle kein Geld und hatten mit geliehenen Mikrophonen und einem Radio als Verstärker im «Höfle» 
unseren grossen Moment. Der «Höfle»-Wirt sagte uns, wenn bis 22 Uhr niemand mehr im Lokal sei, 
müssten wir aufhören zu spielen. So weit kam es Gott sei Dank nicht. Im Gegenteil, wir hatten einen 
Riesenerfolg und konnten uns danach vor Aufträgen kaum mehr retten. 
Und so vergingen die Jahre. In der Zwischenzeit habe ich geheiratet und eine Familie gegründet. Vieles 
hat sich seitdem verändert, und Balzers hat eine enorme Entwicklung mitgemacht. Ich schätze nach wie 
vor den Idealismus bei der Bevölkerung, etwas aus ihrem Dorf zu machen. Auch die Förderung der 
Jugendlichen durch so viele Vereine ist meines Erachtens sehr gut investiertes Geld, denn die Jugend ist 
unsere Zukunft. Meiner Meinung nach hat sich die Investition in die vielen Vereine gelohnt, wenn man 
nur schon einen einzigen Jugendlichen dazu animieren kann. Deshalb sollte jeder Bewohner im Rah 
men seiner Möglichkeiten die Vereine voll unterstützen. 
Im Gegensatz zu heute war früher das Dorfleben in Balzers viel herzlicher und familiärer. Ich bin mir 
bewusst, dass die Zeiten hektischer geworden sind, trotzdem vermisse ich diese Atmosphäre. 
Nun sind schon einige Jahrzehnte vergangen, seit ich hierher gekommen bin. Ich kann sagen, dass Balzers 
ein schönes und lebenswertes Dorf ist und war, wo sich das Mitarbeiten in der Gemeinschaft lohnt und 
ich mich wohl fühle.
	        

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