Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2000) (2000)

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der Saisonarbeit im Ausland ihren Er 
werb suchte, ist heute in der Indus 
trie, im Gewerbe, in der Verwaltung 
oder im Dienstleistungssektor tätig. 
Ihr steht eine auf sehr hohem Niveau 
ausgebaute Infrastruktur zur Verfü 
gung: Schulen, Gemeindesäle, Mehr 
zweckgebäude, Vereinslokale sowie 
sehr gut und reichhaltig ausgebaute 
Sport- und Freizeitanlagen. 
Welchen Wandel die Gemeinde allein 
schon in Bezug auf ihre Grösse durch 
gemacht hat, zeigt ein Vergleich der 
ersten mit heutigen Flugaufnahmen 
von Balzers und Mäls. Das explosions 
artige Wachstum während der letzten 
dreissig Jahre brachte viele interes 
sante Möglichkeiten, auf der anderen 
Seite aber auch Verluste an Identitäts 
faktoren, insbesondere am kulturel 
len Erbe im weiteren Sinne, darunter 
auch an Architektur. Auf diesem kul 
turellen Erbe beruht - so wird oft ge 
sagt - zu einem guten Teil das Selbst 
verständnis, die Identität, der Balzner. 
Sie schleift sich ab. Die Entwicklung 
hat Widersprüche hervorgebracht. 
Man könnte aus der Perspektive des 
Gestern Kritik üben und sagen, die 
Zeit sei unter Druck schneller, zu 
schnell, geworden, die alte dörfliche 
Stabilität habe sich wie andernorts in 
Bauwut, Spekulation und Jagd nach 
Subventionen verwandelt. Das Dorf 
war ehemals fast autark, mit Hand 
werksbetrieben und Krämerläden, die 
soziale Zentren und Kommunika 
tionsplätze bildeten. Alle Facetten der 
ländlichen Gesellschaft waren vor 
handen: Arbeit, Feste, Geselligkeit, 
Kirche, Stille, viele verschiedenste 
Geräusche, wenn man durchs Dorf 
ging. Eine allgemeine, allen gehende 
Dorf- und Nachbarschaftssolidarität 
sei vorhanden gewesen. All dieses sei 
gefährdet und dem Untergang ge 
weiht, weil Mobilität, Individuali 
sierung, Verlust an Solidarität, Verfall 
der Werte, Fernsehen und Globa 
lisierung die Dörfer und das Denken 
der Menschen beherrschen würden. 
Den eigentümlichen Reiz und die Be 
sonderheiten des alten Balzers hat 
zum Beispiel Emanuel Vogt in «Mier z 
Balzers» beschrieben. 
1947: Balzers (Vordergrund) und Mäls 
mit Burg Gutenberg, Kirche und Ge 
meindebauten in der Mitte 
Der mit Melancholie und Resignation 
vorgebrachten Kritik steht auf der an 
deren Seite die Meinung gegenüber, 
dass die glücklichen Verhältnisse so 
gar nie existiert hätten. Dorfleben ist 
zweifellos, damals wie heute, auch 
verbunden mit Ausgrenzung, Sozial 
neid, Repression und Streit. Dem Ver 
schwinden von Landwirtschaft und 
Handwerk aus dem Dorf und der da 
mit einhergehenden Verödung steht 
vielerorts anderes gegenüber: Wieder 
aufleben der Dorfkulturen, Blüte des 
Vereinswesens, Stolz auf die dörfliche 
Lebensart und Eigenart. Die dörfliche 
Welt befindet sich in einer Metamor 
phose, die zwar Verluste nach sich 
zieht, aber auch Positives hervor 
bringt und unvergleichliche Chancen 
auf Bildung und sozialen Aufstieg er 
öffnen kann. Solche Chancen standen 
in der Welt des alten Dorfes nur weni 
gen offen.
	        

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