Volltext: Balzner Neujahrsblätter (2000) (2000)

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Gemeinden lagen Militärkontingente 
aus Österreich. 
In der Karwoche 1799, am 6. März, 
morgens um 7 Uhr, überquerten die 
französischen Truppen den Rhein bei 
Balzers und Bendern. Der Eschner 
Chronist Johann Georg Helbert be 
richtet für das Unterland: «Die erste 
Forderung war Geld, Wein und alles 
was man hat,... die Feind nahmen uns 
alles weisse Tuech und Bethäs, alle 
kostbare Man und Weibskieiter, alle 
ehrene Häfen, das beste Kupfer- 
geschier, Bether... Heu und Stroh wur 
de in die Lager vertragen, alle 
Schwein und das junge Vieh wurden 
geschlachtet, alle Hüener aufgefan 
gen. Vier Man wurden hier auf der 
Stel erschossen und viele plessiert, sie 
schendeten die Weiber in Gegenwart 
der Mäner, alte SOiährige Weiber, 
lOiährige Kinder mussten ein Raub 
der tiranen werden, wer sich nicht 
flüchtete, wurde misshandelt.» Nach 
dem erfolglos geführten Feldzug und 
den verlorenen Schlachten um 
Feldkirch zogen sich die französi 
schen Truppen am Ostermontag 1799 
über den Rhein bei Bendern und 
Balzers, wo sie eine Brücke errichtet 
hatten, zurück. Während der drei Wo 
chen, in denen die Franzosen im Lan 
de lagen, hatten die Talgemeinden 
Liechtensteins schwer zu leiden. 
Balzers verköstigte 3000 Mann Infan 
terie, 278 Offiziere und 1613 Kavalle 
risten samt Pferden. Der Schaden im 
Dorf betrug laut amtlicher Schätzung 
22741 Gulden. Für dieses Geld hätte 
man laut einer Berechnung etwa 250 
Kühe und achtzig Pferde erwerben 
können. 
Das vorrangige Ziel für die Österrei 
cher war die Rückeroberung der Steig 
und Graubündens. Ende April 1799 
sammelten sich in Friesen und Bal 
zers grössere Truppenteile. Der An 
griff auf die von den Franzosen be 
setzte St. Luzisteig scheiterte jedoch. 
Feldmarschall Friedrich Hotze hatte 
die Bewegungen seiner Truppen vom 
Hügel von Gutenberg aus verfolgt. Im 
Zeitraum März 1799 bis Ende März 
1801 waren in Balzers, wie Klaus Bie 
dermann in seiner Studie über das 
Rodfuhrwesen errechnet hat, insge 
samt 69 Fuhrleute im Einsatz. Sie un 
ternahmen 3483 Fahrten, davon 2802 
für die Kaiserlichen und 681 für die 
Franzosen, und zwar vornehmlich auf 
der Strecke über die Steig und nach 
Feldkirch, für die Franzosen zudem 
nach Trübbach. Johann Georg Hel 
bert notierte, dass über die St. Luzi 
steig täglich zwanzig bis vierzig Wa 
gen verkehren mussten, um die ein 
quartierten Truppen mit Mehl, Heu, 
Hafer und Holz zu versehen. 
Am 13. Juli setzten französische Trup 
pen wieder über den Rhein und schlu 
gen in Balzers zwei Lager auf. Das vor 
vier Jahren (1795) abgebrannte und 
verarmte Dorf erlitt neue Beeinträch 
tigungen. Im Oktober 1799 zogen die 
ausgehungerten Truppen des russi 
schen Generals Alexander Suworow 
durch Balzers. Am Nachmittag des 
11. Oktober 1799, an einem Freitag, 
traf Suworow in Balzers ein und 
nahm mit der gesamten Generalität 
im Balzner Gasthof Rössle (heute Ho 
tel Post) Quartier. Suworow habe 
schlechte Laune gehabt und «sich so 
gleich ins nächste Fuhrmannsbett 
hinein geworfen, die Kammer ver 
schlossen, und keinen Menschen für 
sich gelassen». Der Durchmarsch der 
Truppen folgte am Samstag. Die russi 
schen Kosaken waren gemäss Johann 
Georg Helbert eine «wunderliche Rei 
terei. Ihre Rüstung am Pferd ist nicht 
3 Bazen wert; ein schlechter lederner 
Riemen zum Zügel und Zaum; kein 
Sattel, kleine Rössle. Die Mannen tra 
gen eine lange blaue Mütze, weite 
plumpe Hosen, eine Pistole, einen Ka 
rabiner, einen Spiess und eine lange 
Stange». In diesem Zusammenhang 
lesen wir in der Helbert-Chronik, dass 
die Russen einen «unbeschreiblichen 
Hunger» aus der Schweiz mitgebracht 
hätten. «Sie fielen über alles her, assen 
unreife Trauben, Türken und Obst. 
Auf der Landstrasse ging es schreck 
lich her. Schuhe und Kleider nahmen 
sie den Leuten vom Leibe ab.» 
Während des Durchzugs der Armee 
selbst hatten die Leute in Balzers laut 
Meinung des Landvogtes Franz Xaver 
Menzinger nicht viel gelitten, aber der 
Nachtrab, der das Dorf noch während 
mehrerer Tage durchquerte, war läs 
tig. In den einzelnen Häusern und auf 
der Strasse war niemand mehr sicher, 
deshalb wollte niemand mehr ein 
Fuhrwerk verrichten. Menzinger be 
stätigte, dass die Leute in Balzers 
«in einer förchterlichen Lage seien, 
wir sehen dem schrecklichsten Fründ, 
den Hunger vor Augen, und wissen 
nicht, was der Krieg uns noch für Un 
heil zuziehen wird!» Allerdings musste 
***** 
Generalfeldmarschall Alexander 
IV Suworow (1729-1800) 
das Dorf am 11. Oktober 1799 für die 
russischen Truppen 700 Zentner Heu 
liefern, für die es keine Entschädi 
gung erhielt. Im Gegenteil, es wurde 
im Feld der Türken gestohlen, die 
Zäune wurden niedergerissen und 
Obstbäume verholzt. In der Nacht wa 
ren Scheunen und Stallungen nicht si 
cher, den Leuten wurde der restliche 
Heuvorrat bis zum letzten Halm ent 
wendet, so dass für noch im Stall ste 
hendes Vieh kein Futter mehr vorhan 
den war. 
Eine Aufstellung allein der Schäden 
vom 13. bis 31. Juli 1800 führt an 
Requirierungen auf: zwei Ochsen, 
sechs Stück Hornvieh, 183 Zentner 
Heu, dreissig Zentner Stroh, dazu Rot 
wein, Weisswein, Hafer, Klee, Käse, 
Brot, Branntwein, Schaffleisch, Bett 
zeug, Leintücher, Matratzen, Schuhe, 
Strümpfe, Hemden, Tuch, Erdäpfel, 
Kessel und anderes. Auch der Orts 
pfarrer Johann Josef Mähr wurde 
ausgeraubt. Er verlor das Geld, die 
silberne Sackuhr, Hemden, Schnupf 
tücher, Hauben, Leintücher, Hand 
schuhe, Schere, Messer, Gabeln, Le 
bensmittel, Speck, Bi'ot, Milch, Eier, 
Zucker, Schokolade sowie Seifen im 
Wert von über 108 Gulden. 
Die Situation des Fürstentums ver 
schlimmerte sich im Jahr 1800 durch
	        

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