Volltext: Balzner Neujahrsblätter (1999) (1999)

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Prinz Heinrich zeigte auf, mit wel 
chem Prozedere der Landtag in einer 
vertraulichen Sitzung zu informie 
ren sei und die ganze Angelegenheit 
unter Vermeidung «unnötiger Dis 
kussionen» über die Bühne gebracht 
werden könne. Der Vertrag solle, 
«wenn irgend möglich», bis zum 15. 
Dezember unterzeichnet werden. 
Als dieses Schreiben von Prinz Hein 
rich noch unterwegs war, verfasste 
auch der pensionierte Gymnasialleh 
rer Josef Kriss am 2. Dezember einen 
Brief an den Pfarrer von Mauren, 61 
der ihn umgehend an die Regierung 
weiterleitete. Kriss befürchtete, dass 
die Schweizer Armee nicht nur das 
Ellhorn haben wolle, sondern danach 
trachte, «einen Teil der südöstlich 
von der Mariahilfkapelle aufsteigen 
den Felswand des Fläscherberges in 
seine Hand zu bekommen», um dort 
Festungen für Artillerieübungen zu 
bauen. Dann wäre das ganze «obere 
Feld und die Landschaft um die Ka 
pelle in Mitleidenschaft» gezogen. 
Die Gemeinde habe sich gegen die 
Gebietsabtretung ausgesprochen. Es 
sei deshalb erforderlich, dass der 
liechtensteinische Klerus seinen Ein 
fluss bei Regierung und Bischof gel 
tend mache, damit wenigstens die 
Mariahilf geschützt werde, die den 
Balznern und vielen Liechtenstei 
nern als Wallfahrtskapelle teuer sei. 
Es dürfe nicht dazu kommen, dass 
die Landschaft verschandelt werde. 
Entgegenkommen der Schweiz 
Um den aufgebauten Druck auf Liech 
tenstein zu mindern, erwog Bun 
desrat Max Petitpierre anfangs De 
zember 1948 einen Briefwechsel zwi 
schen ihm und Regierungschef Frick. 
Die Briefe lagen schon im Entwurf 
vor und sollten Frick zum Einver 
ständnis zugesandt werden. Darin 
ging es um die Frage einer allfälligen 
Auflösung des Zollanschlussvertra 
ges. 62 Die Fürstliche Regierung sah 
sich deshalb getröstet, als das Eidge 
nössische Politische Departement am 
7. Dezember versicherte, die Schweiz 
habe keine Absichten, den Zollver 
trag aufzulösen - natürlich «unter 
der Voraussetzung, dass keine we 
sentliche und tiefgreifende Änderung 
der gegenwärtigen Verhältnisse» ein 
trete. Der Botschafter in Bern dräng 
te nun zur Ratifizierung des Ell 
horn-Abkommens, weil Verhandlun 
gen wegen der Warenumsatzsteuer 
zu führen und eine Abänderung des 
Zollvertrages vorzunehmen seien. Ei 
ne Vertragsunterzeichnung könne in 
dieser Hinsicht nur förderlich sein. 63 
Die Ellhorn-Debatten im Landtag 
Der liechtensteinische Landtag be 
fasste sich in den nichtöffentlichen 
Sitzungen vom 3. und 12. November 
sowie vom 10. und 13. Dezember 
1948 mit der Ellhorn-Frage. 64 Die 
Protokolle zeigen deutlich, dass der 
Entscheid wohl gefallen war, dass 
man wusste, wie man mehrheitlich 
zu stimmen hatte. Sie lassen aber 
auch erahnen, wie schwer der Ent 
scheid einzelnen Abgeordneten fiel, 
etwa den Oberländern und besonders 
den Balznern. Auch war die Debatte 
von der Befürchtung, den Zollvertrag 
zu verlieren, geprägt, ebenso von Rus 
sen- und Kommunistenfurcht, von 
Überlegungen im Kriegsfälle und der 
Frage der allfälligen Evakuierung 
der Bevölkerung. 
Am 3. November informierte Prinz 
Heinrich im Landtag über die Sachla 
ge. Liechtenstein sei Nutzniesser 
schweizerischer Zugeständnisse, man 
müsse nun auch einmal ein Opfer 
bringen. Es sei gewiss, dass der Dritte 
Weltkrieg vor der Türe stehe - es 
herrschte damals kalter Krieg in Eu 
ropa -, und das gebe den Argumenten 
der Militärs in der Schweiz zusätzli 
ches Gewicht. Der Landtag müsse 
ganz einfach eine klare Entschei 
dung treffen, und «eine andere als 
eine positive Erledigung habe bittere 
Folgen». Die Schweiz sei ja nicht auf 
den Zollvertrag angewiesen. 
Der souverän argumentierende Land 
tagsvizepräsident Alois Ritter befür 
wortete, bei allem Verständnis für die 
unerquickliche Lage der Gemeinde 
Balzers, den Vertragsabschluss aus 
politischen sowie wirtschaftlichen 
Gründen. Ein allfälliger negativer 
Entscheid der Gemeinde Balzers je 
denfalls dürfe für den Landtag nicht 
ohne weiteres ausschlaggebend sein. 
Der Abgeordnete Fidel Brunhart, Vor 
steher von Balzers und Mitglied der 
Verhandlungsdelegation, betonte, in 
Balzers hätten sie bald rund ums 
Dorf Festungen und nun solle eine 
zusätzliche in der Nähe von Mäls da 
zukommen. Auch handle es sich klar 
um eine Gebietsabtretung und nicht, 
wie beschönigend gesagt werde, nur 
um eine Gebietsverlegung. Er glaube 
nicht, dass die Schweiz Liechtenstein 
wegen des Ellhorns bis zu einer Kün 
digung des Zollvertrages unter Druck 
setzen werde. 
Oswald Bühler aus Mauren meinte, 
die Ellhorn-Sache sei eine Landes 
sache und nicht nur eine Balzner An 
gelegenheit. Jedoch solle man den 
Eindruck einer «freiwilligen» Abtre 
tung vermeiden, damit man später 
keine Vorwürfe höre. Überhaupt, je 
stärker die Festung Sargans sei, desto 
weniger sei ein Angriff zu befürch 
ten. Man könne nicht «aus falscher 
patriotischer Einstellung heraus» den 
Lebensstandard gefährden, was bei 
einer Kündigung des Zollvertrages 
der Fall sei. «Wenn die Schweiz erklä 
re, dass sie das Ellhorn brauche, so 
müsse dem entsprochen werden. Der 
Landtag dürfe wegen der bedrängten 
Lage der Gemeinde Balzers nicht sen 
timental werden, es gehe hier um den 
wirtschaftlichen Standpunkt des gan 
zen Landes.» 
Landtagspräsident David Strub for 
derte die Abgeordneten auf, die Leute 
aufzuklären. Eine Abtretung des Ell 
horns bedeute eine bessere Bezie 
hung zur Schweiz. Wichtig sei die 
Beibehaltung des Zoll Vertrages, des 
sen Bestand im Falle eines «Nein» ge 
fährdet sei. Man müsse den Tatsa 
chen ins Gesicht sehen. 
Regierungschef Alexander Frick mut- 
masste, dass sich in Europa etwas zu 
sammenbraue, man müsse also um 
einer möglichen Evakuierung der Be 
völkerung willen das Ellhorn abtre 
ten. Man könne die Westmächte nicht 
enttäuschen. 
In der Sitzung wurde beschlossen, in 
Balzers eine Aufklärungsversamm 
lung durchzuführen, an der Regie 
rungschef Alexander Frick, Land 
tagspräsident David Strub und Land 
tagsvizepräsident Alois Ritter - alles 
mehr oder minder klare Befürworter 
der Ellhorn-Abtretung - teilnehmen 
sollten. 
Die zweite Landtagssitzung vom 12. No 
vember befasste sich mit den einzel 
nen Verhandlungsresultaten, dem Bo-
	        

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