Volltext: Balzner Neujahrsblätter (1998) (1998)

36 
Pfarrer Josef Anton Wolfinger 
an Grundbuchführer Johann Peter 
Rheinberger in Vaduz, datiert 
3. Februar 1831 
Verehrtester Herr Vetter! 
Ihre verdankenswerten Zeilen vom 19. 
v. M. haben meinen Entschluss voll 
ends reif, oder besser, meinen 'Wunsch 
lebhaft urge gemacht, auf bewusste 
Pfarrstelle befördert zu werden. Dass 
dies bei gelegenerer Frühlings- oder 
Sommerzeit geschehen möchte, wäre 
mir eben ganz recht. Das dortige Ein 
kommen, obschon es meinem jetzigen 
weit nachzustehen scheint, genügte 
mir dennoch, wäre es nur in Geld, 
statt in Naturalien, indem ich nichts 
minder, als Ökonom bin. Doch alle 
diese Wünsche sind vergeblich, u. 
dann letztere grundlos. 
Und nun ein Wort von dem - wie Sie 
u. ich mit Ihnen es nennen - unsinni 
gen Treiben der Schweiz. Sie wün 
schen meine Ansicht davon zu verneh 
men: ich lasse mich auch nur deshalb 
zu Ihnen darüber mich in etwas her 
aus: indem theils schwierig ist, den 
ächten Standpunkt zu treffen, von wo 
aus angehoben werden soll, theils ich 
nicht weiss, wie viel Ihnen von den 
Verfassungen der Schweiz. Eidgenos 
senschaft bekannt, u. auch, wie viel 
Sie republikan. Verfassungen in deren 
Prinzipien lieben. 
Ich setze aber bei Urnen soviel voraus, 
dass ich Sie sogleich auf die 
Ereignisse des Jahres führe. Sie hatten 
damals ohne Zweifel manches gehört, 
beobachtet, beurtheilt, u. urtheilen 
gehört: es war das grosse Jahr, wo 
man 1814 Länder vertheilen, Völker 
trennen, Gesetze, Verfassungen, u. 
Constitutionen schmieden. Allianzen 
schliessen sich in und für ganz 
Europa. Die Schweiz ward als freie 
Republik ausgerufen, mit 2 Cantonen, 
u. soviel Souverenetäten, theils durch 
freie Annahme des Volkes, theils durch 
den Terrorismus russischer u. deut 
scher Schwerter. Indess das Ding 
gieng: jeder Kanton der Schweiz con- 
stituierte sich, freilich mehr u. minder 
zweckmässig, kräftig u. klar, u. wohl 
bewusst; angefangen von den obersten 
Staatsprinzipien bis herab zu den 
individuellsten Verordnungen. Die 
alten u. uralten Kantone blieben rein 
demokratisch; die neuen wurden 
theils rein aristokratisch, theils reprä 
sentativ demokratisch. Bis 1827 blieb 
es überall dabei. Da gab Luzem das 
erste bedenkliche Beispiel einer Staats- 
verfassungs-Revision; ein Jahr darauf 
das zweite. Luzem der Vorort der kath. 
Schweiz fand bald Nachahmer an den 
sonst einfältigen Tessinern im J. 1829; 
inzwischen glimmte gleich Glut unter 
der Asche in vielen Kantonen, nicht 
bei den Regierungen als bei den so ge 
nannten Aufgeklärten. Zum Unglück 
für Europa kamen die Juliustage; in 
Blitzes Schnelle zündete der Funke 
aus Paris in die Schweiz, Thurgau, 
Aarau, Zürich, Luzern, Gerif usw. 
endlich auch nach St. Gallen. Die 
Ereignisse in Belgien, Brüssel 
hauptsächlich, schürten die Glut zur 
Lohe, so dass itzt kein Mann in der 
ganzen Schweiz ist, der nicht das Alte 
verwünschete, u. Neues im Sinne der 
höchsten Volksfreiheit racheschnau 
bend fordert. Ich nehme aber aus 
drücklich ächte wohlgesinnte, u. 
gemässigte Klassen, u. dann die diplo 
matischen von den oben bezeichneten 
Freiheitshansen aus; aber dabei ist so 
bedauerlich, als wahr, dass die letztem 
Meister des Ganzen nun geworden 
sind, u. zwar beinahe in der ganzen 
Schweiz. Die Regierungen sind nur 
noch provisorisch; die Geschäfte 
stocken grossentheils; die Gesetze sind 
ohne Kraft. (Anarchie wenn man es 
sagen dürfte).
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.