Volltext: Balzner Neujahrsblätter (1997) (1997)

38 
Auf dem Rheindamm erwartete ein 
Pferdefuhrwerk die wertvolle Fracht. 
Daneben stand der Postenchef der 
Balzner Finanzer. Er hatte sich das 
ganze Schauspiel mit grossem Inter 
esse angesehen. Nicht, dass er etwa 
die Schmuggler in flagranti ertappt 
hätte, im Gegenteil! Sie hatten ihn 
von ihrem Vorhaben unterrichtet, 
und er war begeistert davon - wusste 
er doch nur zu gut um den Mangel, 
der überall in Österreich herrschte. 
Glück im Unglück 
Im Sommer des Jahres 1918 waren 
einige Balzner beim Fleuen in der 
Pleika, als die Nachricht eintraf, dass 
die Bewachung der Schweizer Zoll 
grenze verschärft werden sollte. Die 
bis dahin tätigen Grenzwächter soll 
ten durch Heerespolizisten abgelöst 
werden, wobei diese den ausdrückli 
chen Schiessbefehl auf Schmuggler 
erhalten hatten. 
Nun galt es, rasch zu handeln. Drüben 
warteten noch sechs Zentner Gummi 
band, die schon vor einiger Zeit aufge 
kauft worden waren. In Balzers ver 
sammelten sich die sechs Schmugg 
ler Schriiner Wele, Manzele Fideele, 
sein Bruder Sepp, Wagner Heinere 
(Heinrich Vogt), Wilhelm Bürzle und 
der Engelwirt zu einer kurzen Lage 
besprechung. Sie beschlossen, das 
Unternehmen noch in jener Nacht zu 
wagen. 
Da der Rhein recht hoch ging und die 
Kiesbänke grösstenteils überspült wa 
ren, musste fast die gesamte Breite 
des Stromes im Boot überquert wer 
den. Als einer nach dem andern mit je 
einer Last von 50 kg auf dem Rücken 
das schaukelnde Schifflein bestieg, 
legte sich dieses bedenklich tief ins 
Wasser. Schriiner Wele musste all sei 
ne Kräfte aufbieten, um das unsiche 
re Gefährt auf Kurs zu halten. Es 
wurde von der Strömung erfasst, be 
gann sich um die eigene Achse zu 
drehen und wurde immer weiter vom 
Ufer weggetrieben. Trotz verzweifel 
ter Versuche gelang es den Männern 
nicht, das sich ständig drehende 
Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu 
bringen. Hilflos trieben sie den Rhein 
hinunter und sahen die Pfeiler der 
Balzner Rheinbrücke drohend auf 
sich zukommen. Einige hatten sich 
schon entschlossen, vom Boot zu 
springen, um schwimmend das ret 
tende Ufer zu erreichen, als sie plötz 
lich unter ihren Füssen ein heftiges 
Knirschen hörten. Nach einem kräfti 
gen Ruck, der beinahe alle Insassen 
aus dem Boot warf, war der aufregen 
de Tanz zu Ende. Das Schifflein war 
auf eine überspülte Sandbank aufge 
laufen. Watend, das Boot hinter sich 
herziehend, konnten sechs aufatmen 
de Balzner das Ufer erreichen. Für 
dieses Mal waren sie mit nassen Ho 
senbeinen davongekommen. 
Frech - frecher -... 
Es war im dritten oder vierten Kriegs 
jahr, als der unter dem Namen Bon 
heur 4 (Bonöörle) bekannte Balzner 
Emil Brunhart in Zürich ausgezeich 
nete Waren bestellt hatte. Er stand 
dort in Kontakt mit einer Lieferantin, 
die ihm die Artikel bis nach Meis 
brachte. 
Da Bonheur bei den schweizerischen 
Zollorganen wegen seiner früheren 
Schmuggeleien kein unbeschriebenes 
Blatt war, konnte er kaum hoffen, 
ohne gründliche Kontrolle die Brücke 
bei Trübbach passieren zu können. 
Deshalb beauftragte er Rööse, die 
Frau seines Freundes Simon Vogt 
(Schmed-Simma), mit dieser heiklen 
Aufgabe. 
Für Schmed-Simmas Rööse waren 
solche Unternehmungen kein Neu 
land, denn sie war eine bewährte 
Schmugglerin. Sogleich hatte sie 
auch einen Plan ausgeheckt. Sie lud 
eine zerlegte Blechschere auf ein 
Fuhrwerk, lieh sich vom Posthalter 
einen «Pfööler» 5 aus und fuhr mit die 
sem nach Meis. Von dort telefonierte 
sie nach Walenstadt, wo die Zuträge 
rin aus Zürich auf ihren Anruf warte 
te. Diese brachte dann ihr Gepäck an 
den verabredeten Platz in Meis. Bei 
einem Schmied in Meis, den ihr 
Bonöörle als zuverlässig angegeben 
hatte, lud Rööse die Blechschere ab 
und verstaute dafür die Waren im 
doppelten Boden ihres Wagens. An 
schliessend schickte sie ihren jungen 
Fuhrmann alleine mit dem «leeren» 
Wagen auf den Weg nach Balzers. Sie 
selber nahm den Zug, um jeden Arg 
wohn der Grenzer auszuschliessen. 
Wie sie jedoch in Trübbach die Eisen 
bahn verliess, empfing sie ein Detektiv 
der Schweizer Grenzwacht in Zivil 
und hiess sie, ihm aufs Zollamt zu 
folgen. Für Rööse war die Sache klar: 
Der Melser Schmied hatte das in ihn 
gesetzte Vertrauen nicht verdient! Auf 
dem Weg zum Zollhaus gelang es 
Rööse noch, fünf Paar Operations 
handschuhe unbemerkt unter die Bü 
sche beim Kanal zu werfen. Im Zoll 
haus wurde sie gründlich untersucht, 
doch umsonst. Rööse hatte nichts 
mehr bei sich. 
Folgendes bleibt nachzutragen: Das 
Fuhrwerk mit dem weinerlichen Kut 
scher -»I muas hääm gi mälcha» - 
stand ebenfalls beim Zollhaus. Die 
Zollbehörden hatten gerade noch 
rechtzeitig einen Telefonanruf aus
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.