Volltext: Balzner Neujahrsblätter (1997) (1997)

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Schmuggel am Rhein 
Balzner Schmuggler erzählen von ihren Erlebnissen 1 
Silvio Hoch 
Eine wirtschaftlich schwierige Zeit Gummi, Garn und Sacharin 
Das Ende des Ersten Weltkrieges 
brachte den Zusammenbruch und die 
Auflösung der Monarchie Österreich- 
Ungarn, mit der das Fürstentum 
Liechtenstein seit dem Jahre 1852 in 
einem Zollvertrag verbunden war. 
Der Zollanschluss an die Schweiz er 
folgte nach längeren Verhandlungen 
am 29. März 1923 mit Wirkung ab 1. 
Januar 1924. 
Heute noch erinnern sich besonders 
ältere Leute an die Zeit der wirtschaft 
lichen Anlehnung Liechtensteins an 
Österreich. Vor allem die Jahre 1914 
bis 1924 sind ihnen unvergesslich ge 
blieben. Diese brachten die grosse Le 
bensmittelknappheit des Ersten Welt 
krieges, die Geldnot der Inflation, die 
so manchen fleissigen Sparer in kur 
zer Zeit zum Besitzer eines wertlosen 
Papierbündels machte, und die vier 
Jahre des Liechtensteiner Frankens, 
der schon in Oberriet, Rankweil oder 
Chur keine Kaufkraft mehr besass. 
Jene zehn Jahre waren es vor allem, in 
denen viele Liechtensteiner versuch 
ten, ihre Geld- und Lebensmittel 
sorgen durch regen Warenschmuggel 
über die Schweizer Grenze zu vermin 
dern. 
Im Rahmen ihrer Lehrbefähigungs- 
prüfung reichten 1968 die beiden 
Junglehrer Silvio Hoch und Rainer 
Ritterder Prüfungskommission eine 
heimatkundliche Arbeit ein mit dem 
Titel «Schmuggel am Rhein». Die 
umfangreiche Arbeit besteht aus den 
beiden Teilen «Droben im Ober 
land» (Silvio Hoch) und «Drunten 
im Unterland» (Rainer Ritter). Aus 
dem ersten Teil veröffentlichen wir 
in den «Balzner Neujahrsblättern» - 
mit freundlicher Genehmigung des 
Autors Silvio Hoch - eine etwas ge 
kürzte Fassung der Schmugglerge 
schichten. 
Die Blütezeit der Balzner Schmuggler 
fiel in das Jahr 1919. Nach dem Zu 
sammenbruch der österreichisch-un 
garischen Monarchie im November 
1918 taten sich die Finanzer immer 
schwerer, ihre Aufgabe pflichtgemäss 
zu erfüllen. Die Schmuggler verloren 
nämlich nach der Kündigung des 
Zollvertrages im August 1919 auch 
das letzte Quentchen Respekt vor den 
Hütern der Zollgrenze. Während man 
bisher versucht hatte, bei Nacht und 
Nebel die Zollhäuschen bei Iradug 
und am alten Steigweg zu umgehen, 
jagte man jetzt am hellichten Tage 
mit Ross und Wagen auf den Posten 
zu. Dem diensthabenden Finanzer 
blieb nichts anderes, als den Weg für 
das Wagenrennen der maskierten 
Balzner Gladiatoren freizugeben. Es 
galt also für die Liechtensteiner Zöll 
ner, die im September 1919 die ver 
waisten Plätze der österreichischen 
Finanzer einnahmen, kein leichtes 
Erbe anzutreten. 
Die Art der Schmuggelware richtete 
sich logischerweise ausschliesslich 
nach der Nachfrage, sofern auch ein 
entsprechendes Angebot vorhanden 
war. Das beliebteste Produkt war si 
cher das Sacharin. Zum einen war 
Österreich sehr arm an Süssstoffen, 
zum andern - oder eben gerade des 
halb - konnten mit Sacharin sehr 
schöne Gewinne erzielt werden. Da 
neben wurden Garne und Fadenspu 
len aus der Schweiz herüberge 
schmuggelt. Auch Gummiwaren aller 
Art, vor allem aber Fahrradmäntel 
und -Schläuche sowie «Kinderbudel- 
Zapfa» 2 , fanden über Liechtenstein 
den Weg nach Österreich. Ein beson 
ders beliebter Artikel war das Gum 
miband, das sich die Schmuggler in 
grossen Mengen um den Leib wickel 
ten. 
Nach dem Ende des Ersten Weltkrie 
ges wurden aus Österreich alle mögli- 
Abb. oben: 
Rosa Vogt-Seeberger (1877-1975) 
Abb. unten: 
Fidel Büchel (1881-1971)
	        

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