Volltext: Balzner Neujahrsblätter (1996) (1996)

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sein wie aller Kalk, welcher in diesem 
Tal auf der Morgenseite gebrannt und 
roter Kalk genannt wird. Auf der 
Abendseite wird meist weisser Kalk 
gefunden und, wegen wenigerer Dau 
er, auch noch feiler bezahlt. Das Fuder 
Kalk hält (fehlt) Röhrlein, das Röhr- 
lein Zuber, der Zuber kostet hier 5 bis 
6 Batzen. 
Der Steigwald: Holz und Laub 
Nun traten wir in den ansehnlichen 
Steigwald. Nimmt man seine Länge 
und Breite nur jedes für eine 1/2 Stun 
de, und jede 1/2 Stunde für 500 Klafter 
an, so kommt der Inhalt dieses Walds 
doch schon auf 250 000 Quadrat-Klaf 
ter, und wenn dieser Wald auch nur 
mittelmässig besetzt wäre, d.i. wenn 
man jedem Baum 10 Quadrat-Klafter 
gibt, so kommen doch 25’000 Bäume 
heraus. 
So weit wir im Durchgehen diesen 
Wald beobachteten, sah ich kein ande 
res als Buchenholz drin, welches ein 
vortreffliches Bauholz ist. Wenn nun, 
wie ich gehört, jeder Stamm gar wohl 
alle 100 Jahr gehauen werden darf, 
und dieser Wald mithin einer Abtei 
lung von 100 Jahren unterworfen wür 
de, so träfe es alle Jahre 250 Stämme 
und folglich bei ohngefehr 130 bür 
gerlichen Haushaltungen, ohngefehr 
jährlich 2 ganze Bäume auf jede Haus 
haltung. Man sagt aber, dass Bauholz 
alle 30 Jahre geschlagen werden müs 
se, wo es dann wieder auf dem Stock 
nachwachse. Wenn dieses anginge, so 
träfe [es] jeder bürgerlichen Haushal 
tung in Maienfeld alle Jahre wenig 
stens 6 Stämme aus diesem Wald - und 
dennoch sahen wir hier keine ge- 
haunen Bäume, so wie wir auch kei 
nen jungen Nachflug sahen. Wir tadel 
ten also unter uns die Maienfelder, 
dass sie diesen grossen und schönen 
Buchenwald gar nicht benützten. Da 
wir aber doch die Bürger dieser Stadt 
für ein geistreiches aufmerksames 
Volk kannten und also keine so grosse 
Vernachlässigung ihres Nutzens bei 
Ihnen vermuten konnten, so raison- 
nierten wir vergeblich länger hin und 
her, um einen anderen Grund ihres 
Verfahrens zu entdecken. Während 
diesem Gerede bemerkten wir durch 
und durch einen steinichten Boden, 
aber nicht von der gewöhnlichen Art; 
denn hier waren Stückchen wie Ti 
sche und Öfen ganz links und rechts. 
Wo diese wohl mochten hergekom 
men sein? Vom Berg. Aber wie konn 
ten sie durch den Wald daher reisen? 
Das konnten wir nicht fassen. 
Nebenzu bemerkten wir hier und da 
zusammengerechtes Laub und an 
manchen Plätzen ganz ordentlichen 
Graswuchs. Wir vernahmen nachher, 
dass die Maienfelder diesen Wald mit 
Weidgang und mit Laubrechen zur 
Streue gar sehr benutzen, und dass 
neben dem, dass der Nachwachs des 
Holzes ordentlicher Schläge und Räu 
mung ganzer Klötzen bedarf, auch der 
Weidgang und das Streuerechen noch 
ein Grund desto mehr sei, warum hier 
kein junges Holz aufkomme. 
Öfters machten wir Jagd auf kleine 
Schlänglein, von der Art der (fehlt), 
deren wir heute 4 erlangten. Die sehr 
heisse Witterung mochte sie wohl aus 
ihren Nestern hervorlocken; und so 
wie anhaltende Hitze gewöhnlich Re 
gen und Ungewitter zur Folge hat; also 
pflegt man die häufige Erscheinung 
von Schlangen, Kröten, und derglei 
chen Ungeziefer als Vorboten eines 
schlechten Wetters anzusehen. 
Steigrüfe und Schutzwald 
Jetzt langten wir bei der grossen 
Steigrüfe an, welche der Schrecken 
der Maienfelder und Fläschner ist. Die 
ungeheure Menge grosser Steinfelsen, 
welche sie vom hohen Falknis bis nach 
Maienfeld und Fläsch fortwälzt, er 
neuerte in uns die Erinnerung der 
nämlichen Steinmassen, welche wir 
im Steigwald zerstreut angetroffen 
hatten. Dieser Anblick führte uns auf 
den Schluss, dass wohl vormals diese 
nämliche Rüfe ihren Lauf durch dieje 
nige Gegend gehalten haben müsse, 
wo jetzt der schöne Steigwald steht; 
und dass der Aufwachs dieses Waldes 
der Rüfe nun Einhalt tue; und der Herr 
Landvogt bestätigte unsere Bemer 
kung, dass die Maienfelder nur deswe 
gen diesen Wald schonen, damit er 
ihrer Stadt und ihren Gütern zur 
Schutzwehr gegen die gefährliche 
Steigrüfe diene. 
Ein forstwirtschaftlicher Vorschlag 
Als er uns aber über den Nutzen der 
Buche, über die Zeit ihres Wachs 
tums, über die Art ihrer Blätter und 
Früchte examiniert, und uns nach an 
dern ähnlichen Holzarten verschiede 
ner Gattungen forschen machte; so 
glaubten wir im zahmen Castanien- 
baum eine Holzart gefunden zu ha 
ben, welche diesem Wald und dessen 
Eigentümern weit nützlicher als die 
Buchen wären. Denn da die Castanie 
ein etwas geschwinderes Wachstum 
hat, da ihr Laub viel zarter als das 
Buchenlaub und mithin zu Dünger 
viel tauglicher ist; da das Castanien- 
holz nicht nur zu Brennholz dienlich 
ist, sondern auch zu Bauholz, auch zu 
Torkelbäumen und Fasstauben und 
dergleichen mit grossem Nutzen ver 
braucht wird; und da endlich die 
Castanien selbst eine herzliche und 
bald keiner Zubereitung bedürftige 
Frucht ist: so müsste die Anpflanzung 
dieser Bäume anstatt der jetzt vorhan 
denen Buchen, für Maienfeld von ei 
nem ausgezeichneten Nutzen sein. 
Freilich würden die jetztlebenden 
Bürger keinen Gewinst davon und 
daher vermutlich keine Lust zu dieser 
Umpflanzung haben. Allein wenn es 
Pflicht ist, auch für die Nachkommen 
schaft zu sorgen, so könnte auch hier 
die Erfüllung dieser Pflicht den jetzt 
lebenden Bürgern reizend dadurch 
gemacht werden, dass jedem Bürger 
verstattet würde, gegen jeden zehn 
jährigen oder achtjährigen, in diesem 
Steigwald nämlich solang fort 
gekommenen Castanienbäumen, ei 
nen erwachsenen Buchenstamm sich 
zu hauen. In wenigen Jahren könnte 
dieses, und die Auflegung einer 
mässigen Geldbusse auf jeden, der 
nicht alle 3 Jahre einen Castanien- 
baum dahin verpflanzte, diesen Wald 
umschaffen. Wie rühmlich wäre es 
jetzt wohl für unsere Nationalschule, 
wenn wir kleine Patrioten einer ange 
sehenen Gemeinde wie Maienfeld, 
durch einen solchen Vorschlag nütz 
lich werden möchten! 
Die Strasse von St. Katrinabrunna 
nach Chur 
Der Steigwald grenzte hier an die 
Chaussée, und wir vertauschten nun 
jene an diese. Noch nie hatten wir 
soviele Fragen getan, und lange Zeit 
her wusste ich nicht, dass wir solche 
Räsonniersucht gehabt hätten wie 
heute. Wir waren also kaum auf der 
Chaussée, so gings an ein raisonniern 
und fragen, dass der gute Herr Land 
vogt nicht Atem genug zum antworten 
übrig behielte. 
Mit unserem raisonnement wollte es 
aber hier doch nicht sehr gelingen; 
denn da brachten wir mit vieler Mühe 
nicht mehr heraus, als dass eine 
Chaussée so grad und eben als mög 
lich angelegt, mit Steinen recht fest
	        

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