Volltext: Balzner Neujahrsblätter (1995) (1995)

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Das Caravacakreuz und seine 
Bedeutung im Amulettbrauchtum 
der Alpenländer 
Anfang des 17. Jahrhunderts wurde in 
Deutschland die Verehrung des dop- 
pelbalkigen Caravacakreuzes einge 
führt, das sich - auch in Österreich und 
Italien - zu einer sehr populären Amu 
lettform entwickelte und eine beson 
dere Verbreitung erfuhr. Die Carava- 
cakreuze verbinden bei aller Verschie 
denheit in Grösse, Materialien und 
Ausschmückung als charakteristisches 
Merkmal die distelförmigen Ausbuch 
tungen an den sechs Balkenenden. 
In Liechtenstein ist mir der Fund von 
fünf Caravacakreuzen bekannt: Eines 
besitzt - wie erwähnt - Josef Poser, 
Balzers; die anderen vier sind in der 
archäologischen Sammlung des Lan 
desmuseums (Abb. 4). Deren zwei 
stammen von den Grabungen auf dem 
Kirchhügel Bendern (1969) und wer 
den von Werner-Konrad Jaggi im 
Jahrbuch des Historischen Vereins für 
das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 87, 
beschrieben; zwei, noch unpubliziert, 
gehen auf die Ausgrabungen bei den 
Pfrundbauten Eschen (1974) und in 
der Pfarrkirche Mauren (1986) zu 
rück. 
Die Legende der Ginesiusmesse von 
Caravaca in Murcia/Spanien 
Die Verehrung des Caravacakreuzes 
hängt der Legende nach mit der Be 
kehrung des Maurenfürsten Arbuziet 
durch den Priester Ginesius zusam 
men: Der wegen seiner Missionstä 
tigkeit ins Gefängnis gesperrte Gine 
sius wurde vor den Maurenfürsten 
geführt und erklärte auf dessen Frage 
hin, welches Handwerk oder welche 
Kunst er beherrsche, er könne in der 
hl. Messe «den allmächtigen Gott vom 
Himmel herabziehen und aus Brot le 
bendiges Fleisch machen», wenn ihm 
die nötigen Gerätschaften zur Verfü 
gung stünden. Nachdem Arbuziet 
gemäss den Anordnungen von Gine 
sius alles hatte herbeibringen lassen, 
begann dieser die Messe zu zelebrie 
ren. Da wurde ihm plötzlich bewusst, 
dass er vergessen hatte, auch ein 
Kreuz anzufordern. In seiner Not 
wandte sich Ginesius in inbrünstigem 
Gebet an Gott, worauf von zwei En 
geln ein Kreuz gebracht wurde, das 
vom Patriarchen Roberto von Jerusa 
lem stammte. Angesichts dieser wun 
derbaren Beschaffung liessen sich 
Arbuziet und sein Gefolge bekehren 
und traten zum Christentum über. 
Sämtliche doppelbalkigen Amulett 
kreuze mit ausgeschweiften distel 
förmigen Enden stellen Nachbildun 
gen des Kreuzes von Caravaca dar, das 
seit dem ersten Drittel des 13. Jahr 
hunderts in dieser Stadt verehrt wurde 
und 1934 im Zuge des spanischen 
Bürgerkrieges verlorengegangen ist. 
Die Reliquie selbst war eine der 
grössten im Abendland befindlichen 
Partikel (ca. 106,0/62,0/88,0 mm) vom 
Kreuze Christi. Aufgrund alter Dar 
stellungen und einiger kolorierter 
Lichtbilder, die kurz vor dem Ver 
schwinden des Kreuzes aufgenom 
men worden waren, konnte das Ausse 
hen des Gnadenschatzes und seiner 
Fassungen mit ziemlicher Genauig 
keit rekonstruiert werden (Abb. 5). 
Klassifizierung der Caravaca- 
amulette 
Die Nachbildungen des Kreuzes von 
Caravaca bestehen aus Holz, Silber 
oder selteneren Materialien - am häu 
figsten jedoch aus Messing. Sie kom 
men in den verschiedensten Ausfüh 
rungen und Ausschmückungen vor 
und weichen nicht nur in der Grösse, 
sondern auch in den Verhältnissen 
von Breite, Dicke und Höhe sowie im 
Abstand der Querbalken erheblich 
voneinander ab. 
Hanns Otto Münsterer unternimmt ob 
dieser Vielfalt und Unterschiede in sei 
nem Aufsatz «Das Caravacakreuz und 
seine deutschen Nachbildungen» (in: 
Amulettkreuze und Kreuzamulette. 
Studien zur religiösen Volkskunde. 
Regensburg, 1983) den Versuch einer 
Klasseneinteilung: 
1. Gebetszettel. Sie vermitteln erst 
mals in Deutschland die Bekannt 
schaft mit dem Gnadenbild. Origi 
nale unbekannt. 
2. Anhängekreuze und Amulettein 
lagen: 
a) Holzkreuze in annähernder Grösse 
des Originals. 
b) Reliquiarkreuze: Aufklappbare ge 
fensterte Kreuze mit Filigranin 
halt. Darstellungen (angegossen 
oder montiert): Ginesiusmesse, 
Kruzifix, Immaculata, Arma Chri 
sti; mitunter frei anhängende 
Engel. 
c) Flache gegossene Kreuze in unter 
schiedlicher Grösse. Darstellun 
gen: Ginesiusmesse, Kruzifix, 
Arma Christi, Immaculata mit spa 
nischer Beischrift; seltenere Bil 
der: St. Michael und St. Stephan, 
die Minoritenheiligen Franziskus, 
Antonius und Felix von Cantalice, 
Kajetan, Johannes. 
d) Kreuze mit Heiligennamen, be 
sonders von Wetterheiligen, Jesui 
ten und anderen spanischen H e i - 
ligen. 
e) Kreuze mit bestimmten Segen, 
vornehmlich Zacharias- und Bene- 
diktussegen; reichste Ausgestal 
tungen im «Glückseligen Haus 
kreuz». 
f) Keuze mit zusätzlicher Wiederga 
be einheimischer Gnadenbilder: 
die Heiligen Dreikönige, Loreto, 
die Siebenschmerzensmutter, Ma 
riazell u.a. 
3. Letzte Reminiszenzen: Bäuerliche 
Bastelarbeiten in Form des Cara 
vacakreuzes. 
Das Caravacakreuz aus Balzers 
Das von Josef Foser aufgefundene, 
besonders qualitätvolle Caravaca 
kreuz gehört in die oben beschriebene 
Gruppe 2 c), die den markantesten 
Typ dieser Amulette verkörpert. Es ist 
ein flaches Messingkreuz mit den 
Massen 100,0/39,0/51,5 mm und ins 
17./18. Jahrhundert zu datieren. 
Auf der Vorderseite (Abb. 2) ist die 
Ginesiuslegende eingraviert. Wir se 
hen im Zentrum den mit dem 
Messgewand bekleideten Priester im 
Profil sowie den Kelch, über dem eine 
Hostie erscheint. Im oberen Längs 
und Querbalken sind zwei in lebhaf 
tem Flug begriffene Engel dargestellt, 
die wieder das Doppelkreuz mit den 
distelförmigen Enden tragen, und im 
unteren Querbalken zwei gestikulie 
rende Personen, die aufgrund ihrer 
turban- bzw. fezartigen Kopfbedek- 
kung als Muslime auszumachen sind.
	        

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