Volltext: Balzner Neujahrsblätter (1995) (1995)

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Vergleichen wir diese Bilder mit der 
heutigen Situation, etwa mit einem 
Blick von der Burg Gutenberg aus, 
erscheint das Siedlungswachstum in 
den letzten Jahrzehnten geradezu als 
beängstigend. Der grosse Bruch (oder 
der grosse Sprung) ist in den begin 
nenden Sechzigerjahren anzusetzen, 
als sich aufgrund der Wirtschaftslage 
die Kassen der Gemeinde zu füllen 
begannen und die Lohnsäcklein der 
Arbeitnehmer schwerer wurden. Die 
grossen Gebiete Wingerten, Gängle, 
Mariahilf und Iramalin wurden für 
Bauten umgelegt und mit breiten 
Strassen durchzogen, die Industrie- 
und Gewerbezone Neugrütt 1968 ge 
öffnet. Es folgten die Baulandumle 
gungen Ingaschliser, Prafatell, Gams- 
lafina, Rietle, Lehawes, Iratell, 
Taleze, Winkel, Stadel, Hampfländer, 
St. Peter und andere, reguliert durch 
Zonenpläne und Bauordnungen. Die 
geplante Überbauung der Balzner 
Allmeind wurde 1973 abgelehnt, spä 
ter ebenso die Umlegung der Gebiete 
Matiola, Städele und Prär. Dagegen 
konnte damals die platzsparende und 
im Grunde richtungsweisende Über 
bauung «Zeitgemässe Wohntypen» 
eingeweiht werden; sie ist gleichsam 
ein Vorgängerprojekt des gegenwär 
tig vor dem Baubeginn stehenden 
Vorhabens «Preiswerter Wohnraum». 
Nicht realisiert wurde die seit 20 Jah 
ren vergeblich ins Auge gefasste Sa 
nierung und Herstellung des Balzner 
Dorfkems «Im Höfle». Das Vordrin 
gen einer universellen Architektur 
mode, die ganz im Zug der Zeit den 
Einzelbau ins Zentrum stellt und we 
nig Rücksicht auf Tradition, Nach 
barschaft und die Ermöglichung so 
zialer Kontakte nimmt sowie die all 
gemeine Angleichung an die techni 
sche Zivilisation haben das Gesamt 
bild des Dorfes enorm verändert. 
Siedlungsform und Dorfkern 
Im Verlaufe dieses Prozesses wurde 
der ursprüngliche bäuerlich-gewerb 
liche Dorfcharakter aufgelöst. Die in 
ihrer Zahl stark zurückgegangenen 
Landwirtschaftsbetriebe wurden aus 
gesiedelt. Die Buden und Kleinbetrie 
be der Gewerbetreibenden und Hand 
werker verschwanden oder siedelten 
sich in der Industrie- und Gewerbe 
zone Neugrütt an. Insgesamt ver- 
grösserte sich die Siedlungsfläche 
innert dreier Jahrzehnte in ungeahn 
tem Ausmass, wobei die nicht über 
baute Fläche innerhalb der Bauzone 
der Gemeinde heute immer noch 
grösser ist als die schon überbaute 
Fläche. 
Die Randbereiche der alten Dorffeile 
Balzers und Mäls wurden in gelocker 
ter und durchgrünter Bebauung be 
siedelt, das Wachstum griff immer 
stärker in die landwirtschaftliche Flä 
che hinaus. An die Hanglagen und in 
die Ebenen gegen den Rhein hinaus 
wurden Einfamilienhäuser gebaut 
und im Gleichschritt mit der Überalte 
rung der Leute in den alten Dorf 
quartieren die angestammten und er 
erbten Wohnungen teilweise aufgege 
ben. Es ist dabei aber nicht zu verges 
sen, dass in den alten Dorfsiedlungen 
sehr beengte Verhältnisse geherrscht 
hatten. Grosse Familien mit vielleicht 
sieben oder acht Kindern - möglicher 
weise kamen dazu noch Grosseltern, 
ledige Tanten und Onkel - verfügten in 
der Regel nur über wenige, mehrfach 
belegte Schlafräume. Der Wunsch 
nach Platz, Raum und Komfort 
musste entsprechend stark steigen. 
Frappant zeigen sich die Veränderun 
gen in der Anzahl der Haushaltungen, 
die in Balzers innert 50 Jahren von 315 
im Jahr 1941 auf 1’307 im Jahr 1994 
stiegen. Von 1970 (664 Haushaltun 
gen) bis 1990 haben sie sich mehr als 
verdoppelt, wobei davon 303 Ein 
personen-, 282 Zweipersonen-, 241 
Dreipersonen- und 279 Vierpersonen 
haushaltungen waren. 
Die alten Dorfkerne verödeten zum 
Teil - mit der Folge, dass früher selbst 
verständliche Sozialkontakte versik- 
kerten. Ein erhöhter Komfort und 
bessere Hygiene sollten, wie der 
Volkskundler Arnold Niederer fest 
stellte, einen Ersatz für die verlorene 
Integration in das Dorfleben schaffen; 
die identitätsfördernden zwischen 
menschlichen Kontakte würden zu 
gunsten fremdbestimmter Ordnungs 
vorstellungen und Zwänge verschwin 
den. Die Einfamilienhausbauweise 
förderte die Isolation. Das eigene 
Haus begann das zu ersetzen, was ehe 
mals das Dorf war und (idealisiert) oft 
als «Heimat» umschrieben wird. Die 
alten zentralen Treffpunkte im Dorf 
wurden aufgegeben, aber in den neu 
en Quartieren kaum ersetzt. Das Qua 
si-Dorfzentrum zwischen Kirche, Ge 
meindehaus und Schulbauten, ange 
legt zwischen den Dorfteilen Mäls und 
Balzers, vermochte bisher nicht den 
Charakter eines zentralen dörflichen 
Gemeindetreffs zu gewinnen. Es liegt 
nach Schul- und Ladenschluss, wenn 
nicht gerade eine Veranstaltung statt 
findet, meistens vereinsamt und men 
schenleer da. 
Bauerndorf und Industriegemeinde 
Der Schritt vom Bauerndorf zur 
Industriegemeinde hat verschiedene 
fragwürdige Folgen nach sich gezo 
gen, und der Dorfcharakter konnte 
nicht in gewünschtem Masse in den 
grösseren Rahmen der Gemeinde hin 
übergerettet werden. Waren die alten 
Dorfkerne oft in verdichteter (wie 
man heute sagt) und geschlossener 
Bauweise errichtet, so haben der 
Hang zum Individualismus, die För 
derung des Eigenheimwesens und die 
Baugrundausgabe seitens der Ge 
meinde dazu geführt, dass in erster 
Linie das Einfamilienhaus gefragt 
war. Von der Möglichkeit, staat- 
licherseits schon früh gefördertes, 
heute zunehmend attraktiver werden 
des Stockwerkeigentum zu erwerben, 
wurde dagegen wenig oder fast gar 
kein Gebrauch gemacht. Hochhaus 
viertel wie in Vaduz und Triesen sind 
in Balzers nicht entstanden. Es ist eine 
Diskrepanz sichtbar zwischen dem 
Wunsch, in einem Dorf in nächster 
Nähe zum Nachbarn zu leben und der 
gleichzeitigen Sorge, dass dieser 
Nachbar über den Zaun schauen 
könnte. Aus der gesamten Sachlage, 
die eine Folge des Wandels und der 
Veränderung seit dem Zweiten Welt 
krieg ist, erwachsen der Gemeinde 
zwangsläufig Probleme, die in der 
Zukunft dringender werden könnten, 
wenn das Anspruchsdenken gegen 
über vorhandenen, aber nicht er 
neuerbaren Gütern nicht geringer 
wird und wenn Regulative nicht ein 
schneidender angesetzt werden. 
Dies wurde an sich schon früh er 
kannt. Der Jahresbericht der Gemein 
de 1969 stellt fest, dass auch wir «in 
Balzers umdenken müssen, denn eine 
vollständig freie Streubauweise kön 
nen wir auf die Dauer von den 
Erschliessungskosten und dem Boden 
bedarf her nicht mehr verkraften». 
Wenig später (1971) wird etwas resi 
gnierend beklagt, dass sich «das Pro 
blem einer mehr bodensparenden 
Bauweise in den Vordergrund drängt. 
Wir können nicht mehr so leichtfertig 
mit unseren Bauplätzen umgehen wie 
früher. Wir können diesem Problem 
nicht mehr ausweichen»
	        

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