Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
58
Erscheinungsjahr:
2016
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000397673/413/
Günther Boss 
reich sein. Manche dominante Bewegungen der Lebensführung profilie- 
ren sich eher wieder durch eine binäre Logik, in einer Logik von Weiss 
und Schwarz, von Gut und Böse. Dieses Essen, dieser Sport, diese Poli- 
tik ist moralisch gut, jenes ist moralisch schlecht ... Benedikt verfolgt mit 
seinem Masshalten einen anderen Ansatz als eine solche binäre Logik. Es 
hängt von den Umständen und von der Persönlichkeit des Einzelnen ab, 
was ihm gerade jetzt guttut. Das ist Schöpfungslogik.'° 
Gottes Barmherzigkeit 
Mit der benediktinischen Stabilitas, Gastfreundschaft, Achtsamkeit, mit 
Mass und Rhythmus sind einige Aspekte der benediktinischen Lebens- 
form genannt. Sehr viel mehr wäre zu erwähnen, wozu hier der Platz zu 
knapp ist. Wenigstens einen rätselhaften und anregenden Satz aus der Be- 
nediktusregel möchte ich abschliessend noch anführen. Die katholische 
Kirche begeht gegenwärtig, angestossen durch Papst Franziskus, das Jahr 
der Barmherzigkeit. Es ist gar nicht leicht zu verstehen, was diese Barm- 
herzigkeit Gottes bedeuten soll, wenn man nicht in Plattitüden im Sinne 
von «Gott hat euch alle lieb» verfallen will. Ist das Geheimnis Gottes 
nicht sehr viel tiefer und dunkler als die oberflächliche Rede vom «lieben 
Gott»? Nun findet sich bei Benedikt in der Regel im Abschnitt über «die 
Werkzeuge der geistlichen Kunst» der überraschende Satz: «An Gottes 
Barmherzigkeit niemals verzweifeln.» (RB 4,74) Gottes Barmherzigkeit 
ist für Benedikt jedenfalls nichts Einfaches, man kann daran offenbar so- 
gar verzweifeln. Seine Regel möchte dazu einladen, nicht zu verzweifeln, 
sondern Gottes Barmherzigkeit im Gang durch das Leben zu finden und 
ihr zu vertrauen.!! Zu Ehren des Jubilars Georg Malin — die Älteren eh- 
ren! — sei hier der ganze Passus zitiert: «Die Älteren ehren, die Jüngeren 
lieben. In der Liebe Christi für die Feinde beten. Nach einem Streit noch 
vor dem Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren. Und an Gottes 
Barmherzigkeit niemals verzweifeln.» (RB 4,7074) 
  
10 Vgl. Anselm Grün/ Alois Seuferling, Benediktinische Schöpfungsspiritualität. 
11 Der Benediktinermönch und bekannte Fotograf Oswald Kettenberger aus der Abtei 
Maria Laach hat meines Erachtens eines der schönsten Büchlein über den Lebens- 
weg im Kloster geschrieben: Oswald Kettenberger, An Gottes Barmherzigkeit nie- 
mals verzweifeln. Gedanken und Erinnerungen eines Benediktinermönchs. 
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