Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
58
Erscheinungsjahr:
2016
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000397673/411/
Günther Boss 
vorsieht. Aber ebenso sieht er regelmässige Gebete und Gottesdienste in 
der Gemeinschaft vor. Und ebenso sieht er Zeiten der Arbeit vor. Das be- 
rühmte «ora et labora», «bete und arbeite», stammt zwar nicht direkt aus 
der Regel des heiligen Benedikt, sondern aus dem Spätmittelalter. Es 
zeigt aber gut die Haltung der Regel auf: Ziel ist nicht eine unaufhörliche 
Selbstreflexion des Menschen auf sich selbst, sondern eine «gesunde» Mi- 
schung zwischen der Hinwendung zu Gott und sich selbst sowie der 
Hinwendung zum Anderen und zum Gegenstand der Arbeit. Man findet 
in der Regel sogar den überraschenden Satz: «Müssiggang ist der Seele 
Feind. Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, 
zu bestimmten Stunden mit heiliger Lesung beschäftigt sein.» (RB 48,1) 
Der bekannte Benediktiner Anselm Grün hat, besonders in seinen 
frühen Münsterschwarzacher Kleinschriften, sehr ansprechende Hin- 
weise gegeben, wie man benediktinische Spiritualität für heute fruchtbar 
machen kann. Durch den Einbezug der Psychologie, insbesondere der 
analytischen Psychologie C. G. Jungs, gelingt es ihm, heilsame Quellen 
für alle zu erschliessen. Wichtig ist ihm vor allem eine «Spiritualität von 
unten», wie er sie bereits bei den frühen Wüstenvätern vorfindet. Eine 
Spiritualität, die sich einseitig an absoluten, hohen Idealen orientiere, sei 
immer in Gefahr, zu misslingen und zu frustrieren. Grün schreibt, «dass 
die Spiritualität der frühen Mönche eine Spiritualität von unten war, die 
über die Begegnung mit der eigenen Realität, gerade auch mit Versagen 
und Scheitern, zu Gott führt.»* Eine ähnliche Haltung einer Spiritualität 
von unten findet Anselm Grün bei Benedikt: «Benedikts Spiritualität 
beginnt unten, bei der Wirklichkeit des Menschen, bei seinen Bedürfnis- 
sen, bei seinen Wunden und Verletzungen, bei den Widerwärtigkeiten 
des Alltags, und führt über das Hinabsteigen empor zu Gott».” Immer 
wieder weist Grün darauf hin, dass Demut vom lateinischen Wort 
    

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