Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
56
Erscheinungsjahr:
2015
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000376391/281/
ihm im 
West-östlichen Divanund, wie anfangs erwähnt, im zweiten Teil des 
Faust. Kehren wir also nun, gegen Ende der Ausführungen, zu die- sem zurück. Faust, der sich im ersten Teil des Dramas aus unbefriedig- tem wissenschaftlichem Erkenntnisdrang der Magie zuwendet und einen Pakt mit dem Teufel schliesst, welcher ihn und Gretchen, seine Geliebte, ins Unglück stürzt, erwacht im zweiten Teil, von seelischer Zerrüttung genesen, im Hochgebirge bei Sonnenaufgang aus dem Schlaf des Verges- sens. Er spricht, gleichsam zu sich selbst: «Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen / Verkünden schon die feierlichste Stunde; / Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen, / Das später sich zu uns hernieder wendet. / Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen / Wird neuer Glanz und Deut- lichkeit gespendet, / Und stufenweis herab ist es gelungen – / Sie tritt hervor! – und leider schon geblendet, / Kehr ich mich weg, vom Augen- schmerz durchdrungen. / ... / So bleibe denn die Sonne mir im Rücken! / Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend, / Ihn schau ich an mit wachsendem Entzücken. / Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tau- send, / Dann abertausend Strömen sich ergießend, / Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend. / Allein wie herrlich, diesem Sturm er - sprießend, / Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer, / Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend, / Umher verbreitend duftig kühle Schauer. / 
Derspiegelt ab das menschliche Bestreben. / Ihm sinne nach, und du begreifst genauer: / Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.» Faust kehrt, das Licht wird ihm zu hell, der aufgehenden Sonne den Rücken zu und sieht gegen die dunkle Felswand im trüben Mittel des herabstürzenden Wassers die Farben des Regenbogens. Gestatten wir uns, einem Gedanken Ernst Cassirers folgend, noch einen kurzen Exkurs zu dem griechischen Philosophen Platon, zu sei- nem im siebten Buch über den 
Staatvorgetragenen Höhlengleichnis, nach welchem der Mensch von Jugend auf gefesselt und starren Blicks in einer dunklen, unterirdischen Höhle sitze, den Rücken gegen ein Licht spendendes Feuer gekehrt. Auf den Wänden dieser Höhle sehe er die Schatten von Figuren, die zwischen seinem Rücken und dem Feuer wie auf einer Gauklerbühne hin und her bewegt würden. Er halte aber die Schatten, so Platon, nicht etwa für das was sie seien, nämlich für Abbil- der, sondern für greifbar lebendige Wesen. Um ihn von diesem Irrtum zu befreien, habe der Philosoph den Menschen aus der Höhle heraus ins Licht der Sonne zu führen. In diesem Licht aber offenbare sich nun dem Höhlenbewohner, vereinfacht gesprochen, nicht allein die tatsächlich 281 
Goethe –das Auge, die Totalität der Farben und der Begriff der Freiheit
        

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