Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
56
Erscheinungsjahr:
2015
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000376391/276/
nach und nach eine gelbrote Farbe annehmen, die sich endlich bis zum Rubinroten steigert. Wird hingegen durch ein trübes, von einem darauf- fallenden Lichte erleuchtetes Mittel die Finsternis gesehen (etwa der dunkle Weltraum), so erscheint uns eine blaue Farbe ...» Da Gelb dem Licht, Blau der Finsternis am nächsten stehe, bilden sie für Goethe die Grundpolarität im Bereich der bunten Farben. Er bezeichnet sie auch als «Mutterfarben». Durch Verdichtung der Trübe, sei es nun Luft oder Wasser, steigere sich das Gelb über Orange zu Rot, das Blau über Violett zu Rot. Die Farbe Rot, die Goethe zwecks Hervorhebung ihrer Würde meist Purpur nennt, stellt somit den Kulminationspunkt der Steigerung der beiden «Mutterfarben» dar. Die Vermischung von Gelb und Blau ergebe Grün, die Steigerung hingegen Rot. Nur dieses sei «die wahre Vermittlung» zwischen Gelb und Blau. Polarität, Steigerung und Kulmi- nation sind wesentliche Begriffe im Wortschatz des Dichters und haben für ihn in allen Bereichen der materiellen und geistigen Welt Geltung. Die erwähnten Farben Gelb, Orange, Rot, Violett, Blau und Grün ord- net Goethe, ähnlich wie dies um 1770 schon Moses Harris in der Nach- folge Isaac Newtons tat, komplementär in einem Kreis an, wobei Grün den tiefsten, Rot den höchsten Punkt des Kreises einnimmt. Zur Entstehung der Farben zwischen Licht und Finsternis bedarf es also der Trübe, eines trüben Mittels, und dieses hat, wie oben schon angedeutet, in Goethes Weltvorstellung eine den Begriffen Polarität, Steigerung und Kulmination vergleichbare Bedeutung. Zunächst handelt es sich dabei um nichts anderes als Luft, atmosphärischen Dunst, Wasser oder Wolken. In seinem Weltschöpfungsgedicht 
Wiederfinden, das die Trennung von Licht und Finsternis, die Trennung aller Elemente und ihr Auseinanderstreben in ungemessene Räume nach Gottes erstem Schöp- fungsakt beschreibt, heisst es in der vierten Strophe: «Stumm war alles, still und öde, / Einsam Gott zum erstenmal! / Da erschuf er Morgenröte, / Die erbarmte sich der Qual; / Sie entwickelte dem Trüben / Ein erklin- gend Farbenspiel / Und nun konnte wieder lieben / Was erst auseinan- der fiel.» Das ganze All wird also durch Vermittlung eines trüben Medi- ums, an dem sich die Farben, stellvertretend die Morgenröte, entfachen, zueinander in lebendige Beziehung gebracht. Und was im Makrokos- mos, das gilt auch im Mikrokosmos; was im Stofflichen, das gilt auch im Geistigen. Am 25. Mai 1807 schreibt Goethe in sein Tagebuch: «Chro- matische Betrachtungen und Gleichnisse. Lieben und Hassen, Hoffen und Fürchten sind auch nur differente Zustände unseres trüben Inneren, 276Uwe Wieczorek
        

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