zugrundelag, im Sinne der Erforschung der materiellen Wahrheit. So wurden namentlich unzweckmässige und verzögernde Anfechtungs- möglichkeiten formeller, nichtmeritorischer Beschlüsse beseitigt. Es wurden allzu häufige Vertagungen und Fristerstreckungen untersagt. Eine unmittelbare Anhörung der Zeugen unter Zugegensein der Richter und Parteien, denen ein Fragerecht zustand, wurde eingeführt.28 Solche und ähnliche Neuerungen zogen sich durch die Entwürfe, Einzelverfahrensgesetze und eben die Zivilprozessnovelle. Sie ergaben insgesamt eine Abkehr von den Grundsätzen der Allgemeinen und Westgalizischen Gerichtsordnung und schliesslich eine Hinwendung zu den vielfach konträren Grundsätzen des späteren Klein’schen Zivilpro- zesses.29 Darin können 
im Bereich der Dogmatik und Prozessgestaltung grundlegende Weichenstellungen erblickt werden, sowohl hinsichtlich der zivilprozessualen Grundsätze bis hinab zu einzelnen Vorschriften, nach denen Franz Klein seine Entwürfe später ausrichten und weiter- führen konnte. Klein selbst fasste es dementsprechend auf: «Es ist orga- nische Fortsetzung von lange her datierender Evolutionen, die der Reform die Bahn vorzeichneten»30,wie er später bemerkte. Denn seit 1848 blieben die Rufe nach einer gesamthaften Zivilverfahrensreform, nicht bloss einer Ergänzung oder Novellierung der beiden Gerichtsord- nungen, unüberhörbar und verstummten nicht wieder; zudem schrien sie alle zunehmend unisono nach den 
neuen Grundsätzen der Münd- lichkeit,Öffentlichkeit und freien Beweiswürdigung.31 Ebensolche 
Weichenstellungen traten in Österreich ferner auch 
im gesellschaftlich-politischen Bereich ein, die für Franz Klein und seine Entwürfe wegweisend werden sollten. Seit etwa dem Jahre 1880 rückte immer stärker und vollends mit den Wahlen 1891 auch im Parlament gesellschaftlich und politisch die soziale Frage ins Zentrum:32 «Die Grundgedanken dieser Epoche, die der Masse der Arbeiter- schaft und der kleinen Gewerbetreibenden menschlichere Exis- 82§ 
3 Zivilprozess Kleins 28Zum vorangehenden Absatz Dahlmanns, S.2715; ebenso schon Klein, Zivilprozeß, S.41–43 m. w. H.; vgl. Sprung, Zielsetzungen, S.339 m. w. H. 29Vgl. Mayr, Vorwort, S.3; Wesel, S.496 m. w. H. 30Klein, Zivilprozeß, S.43. 31Leonhard, S.129; Sprung, Grundlagen, S.390; Oberhammer, Speeding up, S.222. Zum Ganzen, übersichtlich und prägnant, Wesel, S.496f.m. w. H. 32Vgl. Dahlmanns, S.2730f.m. w. H.; Wesel, S.496 und S.502f.m. w. H.
        

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