Zur 
Begründung der vorgeschlagenen Änderung des Instanzenzu- ges führte Hämmerle folgende Erwägungen an: Indem im vorgeschlagenen neuen Instanzenzug der Landesfürst weiterhin die Richter der zweiten Instanz ernennen würde, bliebe seine Justizhoheit gewahrt. Die staatliche «Souveränität des Fürstentums»186 bleibe nämlich gleichermassen sichergestellt, ob der Landesfürst nun die Richter des fürstlichen Appellationsgerichts in Wien oder diejenigen eines Appellationsgerichts in Feldkirch ernenne.187 Die Zweitinstanz mit Sitz in Feldkirch läge im nahen liechtenstei- nischen Umland und liechtensteinische Parteien könnten ohne allzu grosse Anstrengungen dorthin gelangen. Da der zu rezipierende öster- reichische Zivilprozess auch im Berufungsverfahren eine mündliche Streitverhandlung unter Anwesenheit der Parteien vorsehe, würde eine fernab in Wien gelegene Zweitinstanz dies praktisch verunmöglichen. Das sei bedenklich, weil den Parteien grundsätzlich ein Recht auf eine mündliche Berufungsverhandlung, bei der sie zugegensein dürften, zukomme. Trotzdem und im Gegensatz zu Gustav Walker forderte Hämmerle in der Berufungs- und Revisionsinstanz, nicht jedoch erstin- stanzlich, den Anwaltszwang, da es praktisch undurchführbar sei, dass die Parteien stets selbst vor den Rechtsmittelinstanzen erschienen oder dorthin reisten. Und jedenfalls sei eine mündliche Berufungsverhand- lung mit Beizug von Anwälten in Vaduz wesentlich kostengünstiger, als wenn sie in Wien stattfinde.188 Er wolle die langjährigen Erfahrungen und Fachkenntnisse der Richter am Wiener fürstlichen Appellationsgericht nicht in Abrede stel- len. Doch seien, bemerkte Hämmerle, die «besonderen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Fürstentums»189 einem geographisch näher gelegenen Gericht wohl besser bekannt, weil der «rege Verkehr zwi- schen Richter und Parteien in dem kleinen Lande»190 anders als andern- orts ablaufe und «Vorarlberger Juristen [...] gewiss nicht landfremder als 398§ 
8 Ausarbeitung 1909 bis 1912 186LI LA RE 1912/114, Gutachten Hämmerle, 24. Mai 1912, S.3. 187LI LA RE 1912/114, Gutachten Hämmerle, 24. Mai 1912, S.1f., S.3 und S.6. 188Zum vorangehenden Absatz LI LA RE 1912/114, Gutachten Hämmerle, 24. Mai 1912, S.2f.und S.11f. 189LI LA RE 1912/114, Gutachten Hämmerle, 24. Mai 1912, S.2. 190LI LA RE 1912/114, Gutachten Hämmerle, 24. Mai 1912, S.4, wo Hämmerle das Argument allerdings im Kontext der richterlichen Befangenheit verwendete.
        

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