Historisch war die Anbindung des Fürstentums Liechtenstein an Öster- reich eine Tatsache und alte Tradition, die sich um 1910 in faktischer Hinsicht mannigfaltig manifestierte, beispielsweise in der Wirtschaft, Politik, aber auch im Gesellschaftlich-Kulturellen. Aus rechtlicher Sicht waren in der liechtensteinischen Rechtsordnung über einhundert Jahre hinweg etliche Erlasse teils unverändert und unmittelbar rezipiert, teils unter Anpassungen aufgegriffen und umgesetzt worden. Nicht zuletzt wog das personelle Argument schwer, dass nicht nur die Rechtsmittel- gerichte in Österreich lagen und von österreichischem Gerichtspersonal besetzt wurden, sondern Österreich auch das Personal für das Vaduzer Landgericht (vorläufig einen Einzelrichter) zur Verfügung stellte.56 (5) Die österreichische Zivilprozessordnung von 1895, wie sie Franz Klein entworfen hatte, galt weithin und allgemein als vorbildlich, womit sie sich laut Walker als Vorlage ganz besonders anbot. Der Klein’sche Zivilprozess war einerseits 
fortschrittlich, weil er besonderen sozialen57 Zwecken diente, andererseits war er 
zweckmässig und besei- tigte all jene Missstände, welche sich unter der Allgemeinen bzw. West- galizischen Gerichtsordnung eingestellt hatten.58 (6) Die 
Rezeption würde nichtsdestotrotz umsichtige 
Anpassungen an die Verhältnisse im Fürstentum Liechtenstein erfordern, obgleich dies Walker zufolge der «mühevollere Weg»59 gegenüber einer unveränderten Rezeption darstellte. Nicht nur die staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände waren zu berücksichtigen. Auch die kleinere Dimension der Justiz insgesamt verlangte gerichtsorganisatorische Beachtung, die staatliche und fürstliche Justizhoheit sollte im Instanzen- zug gewährleistet bleiben und im Übrigen bedurfte es einer durchgängi- gen und stimmigen legistischen Umsetzung all dieser Besonderheiten in der Zivilprozessordnung selbst.60 Als 
Quintessenz lässt sich folglich festhalten, dass die Entwürfe Gustav Walkers sich in ihrer rechtspolitischen Ausrichtung gänzlich auf der Linie Franz Kleins bewegten und sich an seinen Postulaten orien- 368§ 
8 Ausarbeitung 1909 bis 1912 56LI LA RE 1912/114, Walker, Gesetzentwürfe, 1911, S.192–194. 57Siehe oben unter §  3/II./2. 58LI LA RE 1912/114, Walker, Gesetzentwürfe, 1911, S.194f. 59LI LA RE 1912/114, Walker, Gesetzentwürfe, 1911, S.195. 60LI LA RE 1912/114, Walker, Gesetzentwürfe, 1911, S.195f.Siehe auch LI LA RE 1911/1390, Gesetzentwürfe, 11. Dezember 1911, S.5.
        

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