Grundrechtstatbestand und Grundrechtsschranken gegenübergestellt und sodann auf der Ebene der Grundrechtsschrankenschranken die divergierenden Interessen im Wege praktischer Konkordanz zum scho- nendsten Ausgleich gebracht werden.18Bekanntlich geht die herr- schende, wenn auch nicht unumstrittene Interpretation des Menschen- würdesatzes des deutschen Grundgesetzes unter Verweis auf die For- mulierung «unantastbar» davon aus, dass Art. 1 Abs. 1 GG diesem Abwägungsprozess entzogen ist. Die Menschenwürde unterliegt keiner- lei Beschränkungsmöglichkeiten; die sachliche Reichweite des Tatbe- standes markiert zugleich die Verletzungsgrenze. Die Garantie der Men- schenwürde kann auch nicht durch Rückgriff auf andere Verfassungsgü- ter relativiert werden.19Dies entspricht auch der Auffassung des Bundesverfassungsgerichts.20 Die Diskussion über dieses «Dogma der Unantastbarkeit»21scheint als «Hintergrundbeleuchtung» auf in Redebeiträgen des Abgeordneten Paul Vogt bei den Beratungen der Verfassungsänderung im Landtag. Er plädierte für eine alternative Textfassung des neuen Art. 27bis Abs. 1 LV, die sich an die Formulierung der Europäischen Grundrechtecharta anlehnt, die wiederum den grundgesetzlichen Wortlaut aufgreift. Den Unterschied zwischen der schliesslich verabschiedeten und der Alterna- tivfassung umschrieb er dahingehend: Der Antrag der FBP und VU for- muliere die Würde des Menschen als ein Recht, das interpretiert werden könne, das in seiner Geltung durch Gesetze relativiert und einge- schränkt, den Umständen angepasst werden könne. Der Alternativvor- schlag formuliere die Menschenwürde hingegen als Grundrecht, das vom Staatsgerichtshof unmittelbar umgesetzt werden müsse und das nicht durch Gesetze relativiert werden dürfe. Die Menschenwürde sei ein unverrückbarer Massstab im Rechtsstaat.22227 
Die Menschenwürdegarantie in der liechtensteinischen Verfassung 18Zur Struktur der grundrechtlichen Argumentation Wolfram Höfling, Die liechten- steinische Grundrechtsordnung, S. 79 ff. 19Zur Diskussion etwa Wolfram Höfling, in: Sachs (Hrsg.), Art. 1 Rn. 10 ff. 20Siehe BVerfGE 75, 369 (380); 93, 266 (293): «Die Menschenwürde … ist mit keinem Einzelgrundrecht abwägungsfähig»; ferner BVerfGE 107, 275 (284); 109, 279 (313 ff.). 21Dazu vor allem der gleichnamige Sammelband, hrsgg. von Gröschner/Lembcke. 22Landtagsprotokolle des Liechtensteiner Landtags, 21. September 2005, S. 850 (852). – Der Alternativvorschlag erhielt in der Schlussabstimmung 6 Stimmen.
        

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