gründet, dass die Verfahrensgrundrechte stärker normgeprägt sind als die überkommenen Abwehrrechte. Aufgrund ihres Charakters als Teilhabe- rechte sind die Verfahrensgrundrechte in erster Linie daraufhin zu prü- fen, ob das Verhalten der Staatsorgane mit dem Grundrecht vereinbar ist. Das Grundrecht selbst gibt dabei den jeweils grundrechtsspezifischen Prüfungsaufbau vor. Für Abwägungsprozesse bleibt regelmässig nur we- nig Raum, da die autonome Auslegung der einschlägigen Rechtsbegriffe durch den EGMR und die Subsumption unter die von der EMRK vorge- gebenen Teilaspekte eines europäischen Prozessrechts im Vordergrund stehen.160Gleichwohl hat die Praxis des EGMR in jüngerer Zeit im Wege der Abwägungsprozesse über den Grundsatz der Verhältnismässigkeit auch die Verfahrensgrundrechte erfasst.161Offen für Abwägungspro- zesse, und zwar regelmässig zulasten der Wortlautinterpretation, ist der EGMR beim Gebot angemessener Verfahrensdauer, beim Ausschluss der Öffentlichkeit oder im Zusammenhang mit der Frage, ob die Verfahrens- hilfe zu gewähren ist. Doch auch Fragen, ob im Verfahren die Waffen- gleichheit und die Fairness gewahrt wurden oder ob genügende Siche- rungen beim Zeugenbeweis bestanden, gehören neben dem Anspruch auf ein unabhängiges Gericht inzwischen zum Einzugsbereich einer Verhält- nismässigkeitsprüfung.162Christoph Grabenwarter und Thilo Ma- rauhn163erblicken für die konventionsrechtlichen Schutzstandards eine ernsthafte Gefahr insbesondere darin, dass die entsprechenden Abwä- gungsvorgänge deutlich weniger strukturiert sind und dass vermehrt noch verstärkt einzelfallbezogene Kriterien angewendet werden. In der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild. Während Teile der Lehre sowie die Gesetzesmaterialien164davon ausgehen, dass die in Art. 36 BV aufgezähltenund von der Rechtsprechung und Lehre entwi- ckelten Kriterien, damit ein Freiheitsrecht eingeschränkt werden darf (gesetzliche Grundlage, öffentliches Interesse, Verhältnismässigkeit und Respektierung des Kerngehaltes), nicht auf die Verfahrensgrundrechte 158Tobias 
Michael Wille 160Vgl. Grabenwarter/Marauhn, Grundrechtseingriff, S. 375, Rz. 62 f. 161Siehe Grabenwarter/Marauhn, Grundrechtseingriff, S. 375 f., Rz. 64 mit Rechtspre- chungsnachweisen. 162Vgl. Grabenwarter/Marauhn, Grundrechtseingriff, S. 375 f., Rz. 64. 163Grabenwarter/Marauhn, Grundrechtseingriff, S. 376, Rz. 64. 164Vgl. Botschaft des Bundesrates BBl 1997 I 194 f.
        

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