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unterscheidet. Bei der letztgenannten Institu 
tion hat der wirtschaftlich Schwache oder schwach 
Gewordene wohl ein moralisches Anrecht auf 
Unterstützung, nicht aber ein Recht im eigent 
lichen Sinne. Eine Unterstützung aus der öf 
fentlichen Armenfürsorge ist und bleibt in den 
Augen aller Bürger ein Almosen; sie ist es 
leider hinsichtlich der Höhe in den meisten Fäl 
len auch da geblieben, wo die Armenfürsorge 
sehr ausgebaut ist. Dies hat seinen Grund da 
rin, weil die für die Armenfürsorge bestimm 
ten Mittel nicht Planmäßig und nicht unter 
Mithülfe aller Volksglieder aufgebracht wer 
den; bei ihnen handelt es sich um Leistungen 
ohne vorherige Gegenleistungen. Daß letztere 
nach gesetzlichen Vorschriften, unter Zwang ent 
richtet wurden, setzt, den Wert der Sozialver 
sicherung nicht herab. Nur dadurch, daß ein 
Obligatorium für weite oder alle Volkskrcise 
erlassen wird, ist die Gewähr für eine volle 
Auswirkung der Versicherung gegeben. Es 
liegt im Wesen der Tinge, daß der Bürger mit 
geringem Einkommen, der einfache Arbeiter 
und Bauernknecht sein karges Einkommen fast 
ganz für seinen täglichen Bedarf aufbraucht 
und nur selten aus eigenem Antriebe sich so 
stark einschränkt, daß Ersparnisse erzielt wer 
den. Auch der einfachste Mensch hat Freude an 
allerhand Vergnügen; besonders 'im Jugend 
alter verspürt jedermann den Hang, die sauer 
erworbenen Batzen zu Lust und Freude zu ver 
wenden. Ist es da nicht doppelt wertvoll, wenn 
der Staat kommt und befiehlt: „Von deinem 
Einkommen hast du jede Woche so und so viel 
für deine kranken und alten Tage und für deine 
jetzigen oder künftigen Angehörigen beiseite zu 
legen, mir zu diesem Zwecke in Verwahrung zu 
geben"? Und zeigt nicht so der Staat seinen 
Daseinszweck am schönsten, wenn er aus an 
dern Quellen eingenommene finanzielle Mittel 
ebenfalls zu diesen Sparpfennigen legt, sich so 
gar dazu recht eigentlich verpflichtet? Wirksam 
in ihrer vollen Tragweite wird aber die So 
zialversicherung erst, wenn die erste Generation 
von Greisen und Greisinnen ihre wohlverdien 
ten Alterspensionen beziehen, wenn der Verun 
fallte und nicht voll Geheilte beim Verlassen 
des Spitals seinen Rentenschein in die Tasche 
bekommt, wenn die vom Schmerz über den Tod 
ihres Gatten gequälte Witwe die für sie und 
ihre arbeitsunfähigen Kinder bestimmten Mo 
natsrenten dankbar in Empfang nehmen darf. 
Wie aber soll der reiche Bauer oder Fabri 
kant, der Millionär sich zu der Sozialversiche 
rung verhalten? Soll auch er für seine Zukunft 
Vorsorgen, trotz seiner guten Titel und Kapi 
talanlagen, trotz seines hohen Einkommens? 
Gewiß auch er! Tenn wer bürgt ihm heute 
noch dafür, daß er stets so wohlhabend gesi 
chert dastehen werde? Die Kriegs- und Krisen 
jahre, die hinter uns liegen, reden eine deut 
liche Sprache! Dazu muß gesagt werden, daß 
der reiche Bürger eintretendenfalls stets zu 
Gunsten eines Armen auf seine rechtmäßige 
Rente verzichten kann. Auf alle Fälle soll er zu 
Beiträgen verpflichtet sein wie jeder andere. 
Aber noch einem Einwand müssen wir be 
gegnen: Verfolgt denn die Sozialversicherung 
ein anderes Ziel als die Privaten Versiche 
rungsgesellschaften und freiwilligen Hülfs- 
kassen oder gebraucht sie etwa andere Mittel; 
ist nicht jedem Einzelnen zehnfach Gelegenheit 
gegeben, aus eigener Initiative sich zu versi 
chern? Gewiß! Aber den springeichen Punkt 
bildet jene „Initiative"; auf sie darf man nicht 
vertrauen. Eine deutliche Sprache reden die 
Erfahrungen, welche mit der freiwilligen Ver 
sicherung in denjenigen Staaten gemacht wur 
den, die neben der obligatorischen Versicherung 
noch die freiwillige Zusatzversicherung vorsehen; 
gegen die Erwartung wird letztere nur sehr 
selten benützt! Man studiere das Schulbeispiel, 
welches der schweizerische Kanton Glarus mit 
seiner obligatorischen Alters- und Invaliden 
versicherung bietet. Nach dem letzten Jahres 
bericht, das Jahr 1920/21 betrefferü», betrug die 
Zahl der obligatorisch Versicherten 15,199, die 
Zahl der außerdem freiwillig Versicherten 24 
Personen; und doch beträgt die „obligatorische 
Rente" höchstens Fr. 300 pro Jahr. Tie in den 
verschiedensten Staaten gemachten Erfahrun 
gen führen zwingend auf das Obligatorium 
hin. Beispielsweise besaß Frankreich bis zum 
Jahre 1911 eine Altersrentenkasse nach dem 
Subventionssystem, welche aber nur einige 
Prozente aller Lohnarbeiter umfaßte; daher say 
sich die französische Regierung veranlaßt, im 
Jahre 1910 eine eigentliche obligatorische Al 
tersversicherung einzuführen. Tas bezügliche 
Gesetz trat am 1. Juli 1911 in Kraft und ist 
obligatorisch für alle unselbständig Erwerben 
den in Handel, Industrie und Landwirtschaft 
mit Einkommen bis zu Fr. 5000. - 
Fragen wir nun nach den Erfolgen, ivelche 
die Sozialversicherung bringt, so wenden wir 
unsere Blicke zur Beantwortung dieser Frage 
am zweckmäßigsten auf jenen Staat — Deutsch 
land — hin, der seit längerer Zeit eine aus 
gebaute Sozialversicherung besaß. Tas groß 
artigste aller Denkmäler, das das monarchische
        

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