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3. Tas technische Finanzierungsverfahrcn. 
In den vorliegenden Ausführungen über 
die Kranken-, Invaliden-, Alters-, Witwen- 
und Waisenversicherung ist die Solidarität der 
ganzen Bevölkerung des Fürstentums voraus 
gesetzt; dcr Experte ging davon aus, dag der 
Jüngling ohne weiteres bereit sei, seinen Bei-' 
trag zu entrichten, um heute schon die vorhan 
denen Greise, die Invaliden, Witwen und 
Waisen in den Genug von Leistungen treren 
zu lassen, die auch ihm später oder seinen An 
gehörigen bei Eintritt des versicherten Ereig 
nisses in Aussicht stehen. — Dieses Solidari- 
lätsgesühl besteht jedoch leider nicht immer in 
einem solchen Mage, das die sofortige volle 
Wirkklng der Versicherung gestatten würde. 
Gerade bei der heutigen Jugend besteht vielfach 
die Auffassung, dag es nur ihre Aufgabe sein 
könne, für sich selbst zu sorgen und dag sie nicht 
dazu herangezogen werden dürfe, aus ihrem 
Arbeitseinkommen die vorhandenen Greise, 
Invaliden, Witwen und Waisen zu unrerstü- 
tzen. Tie Ablehnung des Solidaritätsgedankens 
gilt, es in erster Linie zu bekämpfen. Tie Ab 
lehnung müßte dazu führen, die Fürsorge st'ir 
die Alten,' für die Kranken und Invaliden^ für 
Witwen und Waisen,, soweit sie bedürftig sind, 
wie bis anhin der Armenstirsorge und damit 
der öffentlichen Wohltätigkeit zu überlassen und 
eine Versicherungsgemeinschaft der heute noch 
aktiven, erwerbsfähigen Bevölkerung zu errich 
ten. Tie Finanzierung hätte dann auch in sol 
chem Falle nach den.in der Privaten Pcrsonen- 
versicherung geltenden Grundsätzen und Me 
thoden, d. i. nach dem sogen. Prämiendeckungs 
verfahren, zu erfolgen. Tie Folgen wären dann 
in erster Linie die, dag nur die jüngsten Leute 
der gegenwärtigen Generation der Erwach 
senen und der künftige Nachwuchs sich die Vel 
len Leistungen aus der Versicherung sichern 
könnten, während, alle diejenigen, die ein be 
stimmtes Mindestalter schon überschritten ha 
ben, sich mit herabgeminderten Leistungen be 
gnügen müßten. Tas Prämiendurchschmtts- 
verfahren bringt die Ansammlung von Kapi 
talien mit sich und der Ertrag derselben ver 
mindert die vom Versicherten selbst oder in an 
derer Weise aufzubringenden Mittel. 
Tie Anwendung des technischen Prämien- 
deckunqsverfahrens in der Versicherung, wie ne 
hier für die ganze Bevölkerung eines Landes 
geplant ist, ist nicht zu empfehlen. Einmal be 
raubt es, wenn der Staat nicht auf andere 
Weise hilft, die schon vorhandenen Greise, In 
validen, Witwen und Waisen der Wohltat der 
Versicherung; ferner schiebt es für die ältern 
Versicherten der aktiven Generation die vollen 
Wirkungen der Versicherung um mehrere De 
zennien hinaus und endlich führt es zu einer 
Ansammlung von Geldern in einem Umfange, 
der dem Staate unter Umständen grössere 
Sorge bereiten kann als das Aufbringen des 
jährlichen Betrages durch eine einfache Um 
lage. Tas Prämiendeckungsverfahren. würde, 
wenn man nur ein kleines Stück der Sozial 
versicherung herausgreift und annimmt, es wä 
ren 500 Ältersrentner und Rentnerinnen vor 
handen, denen jährlich eine Rente von je 1000 
Franken gewährt würde, zur Ansammlung 
und Verwaltung von rund 5 Millionen Fr. 
führen. Fügt man die Invaliden-, die Witwen- 
und Waisen-, die Kranken- und die Unfallver 
sicherung dazu, so kommt man zu Kapitalan 
sammlungen, die in mühsamem Ringen von 
der Bevölkerung während 2 bis 3 oder 4 Te- 
zennien erspart werden müssten, bis die Ver 
sicherung ihre volle Wirkung entfalten könnte 
und deren Verwaltung dann für die Landes 
regierung eine grosse' Pflicht bedeuten müsste. 
Tie Ansammlung von Kapitalien in der Höhe 
von 5 bis 10 Millionen Franken, zu der man 
hier bei einer Bevölkerung von nur etwa 
10,000 Einwohnern käme, ist in einer Landes 
versicherung, wenn das ganze Volk nach ein 
heitlichen Gesichtspunkten erfaßt wird, und wo 
die Jugend stets wieder in die Versicherung 
nachrückt, nicht erforderlich und auch nicht 
zweckmäßig. Gerade die gegenwärtige Zeit, in 
der jeder einzelne Bürger und jedes Gemein- 
und Staatswesen mit täglichen wirtschaftlichen 
Sorgen belastet ist, scheint auf keinen Fall da 
zu angetan, in einer Volksversicherung Rück 
lagen zu machen, die in einigen Dezennien 
dann erst zur Linderung von Rot bei Krank? 
heit, Invalidität und Todesfällen dienen wer 
den. 
In administrativer und organisatorischer 
Hinsicht würde die Anwendung des Prämien 
deckungsverfahrens überdies ganz empfindliche 
Erschwerungen nach sich ziehen. 
Tie Sorge des Staates muß es selbstver 
ständlich sein, daß die Versicherung nicht so 
spärlich finanziert wird, daß sich schon in den 
ersten Jahren die Einnahmen und Ausgaben 
vollständig aufheben. Es muß ermöglicht hm» 
den. einen gewissen Reservefonds, der zum 
Ausgleich' der nicht ausbleibenden jährlichen 
Schwankungen dienen kann, zu bilden. Das 
kann schon dadurch erreicht werden, daß in ei 
ner Uebergangszeit von einigen Jahren die
        

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