Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
50
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326999/255/
werkschaftsverbänden zusammen. Die neuen Sozialversicherungen fü- gen sich der Tendenz zur Grossorganisation ebenso ein wie die Vielzahl von Interessenverbänden oder die Presse und die Parteien. Wer sich auf dem Markt behaupten, in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen will, muss sich organisieren, und die Organisationen müssen möglichst gross sein. Nur Grösse erzeuge Einfluss und Macht. Die neue Wissenschaft vom Raum schien diese verbreitete Über- zeugung ‹objektiv› zu bestätigen. Friedrich Ratzel, einer der bekanntes- ten Geographen des 19. Jahrhunderts, schrieb über das «Kulturver - hängnis der Kleinstaaterei» und generell des kleinen Raumes.10Jedes Volk müsse sich in der «Schule des Raumes» bewähren und von «kleine- ren zu grösseren Raumauffassungen erzogen werden».11Die «kleinen Reststaaten», von denen er die «primitiven Kleinstaaten» unterschied, galten ihm als «Ausnahme vom dem Wachstumsgesetzen der Staaten; sie sind wie versteinert.» Die «höhere Kultur» dulde zwar «sehr kleine Staa- ten», deshalb gehören sie zu den «Merkmalen unseres europäischen Staatensystems», doch die «Kleinstaaterei» sei ein Übel. Daran hegte er keinen Zweifel. «Engräumigkeit» bringe «oft die engherzigste Politik hervor» und gewöhne an die «Einförmigkeit» in allen Lebensberei- chen.12 Dieser Wille oder auch Zwang zur Grösse spricht auch aus der Ein- schätzung der Staaten und Nationen, wie sie im 19. Jahrhundert in der politischen Öffentlichkeit gängig war. Nur grosse Nationen galten als berechtigt zum Nationalstaat. Der starke Nationalstaat als Gehäuse der Machtkonzentration, fähig im globalen Wettbewerb um Macht mitzu- halten, wurde zum Ideal des 19. Jahrhunderts.13Die Nation als Ressour- cengemeinschaft zielte auf Grösse; auf sie war das nationale Denken fi- xiert. Die Art, wie im 19. Jahrhundert neue Nationalstaaten entstanden und andere Nationen mit ihrem Willen zum eigenen Staat scheiterten, schien den Kultus der Grösse immer wieder zu beglaubigen. Alle Staa- ten, die damals durch Fusion oder durch Separation geschaffen wurden, 255 
Grösse – ein Ideal und seine Widersacher im 19. und 20. Jahrhundert 10Ebd. 133, 135. 11Ebd. 133, 135. 12Ebd. 133, 135. 13Das Folgende habe ich näher ausgeführt in: Reich, Nation, Föderation. Deutschland und Europa. München: Beck 2008, 36–52; Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. München: Beck 2000, 35–54.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.