Volltext: Jahrbuch (2017) (116)

scheint also das Heiratsverhalten wenig beeinflusst zu 
haben. Allerdings sind die Zahlen zu klein, als dass diese 
Feststellung verallgemeinert werden könnte. 
Die Zahl der Verstorbenen verdoppelte sich von 1816 
(157) auf 1817 (303) beinahe, 1818 (208) ging sie bereits 
wieder stark zurück, war aber immer noch sehr hoch 
(Grafik 8).!!! Was lässt sich über die Todesursachen sa- 
gen? Diese sind nicht in allen Pfarrbüchern angeführt. In 
Balzers gab es 1817 insgesamt 47 Todesfälle, bei acht da- 
von gab der Pfarrer als Todesursache Hunger an.!? Peter 
Kaiser, der die Hungersnot als junger Mann miterlebte, 
schrieb in seiner Geschichte des Fürstentums Liechten- 
stein: «Eigentlich Hungers starb jedoch Niemand, aber die 
Folgen des ausgestandenen Mangels wurden Vielen tód- 
lich.»!? Kaiser deutet damit das Problem an: Eine Ab- 
grenzung, ob jemand buchstáblich verhungert oder an 
einer Folgekrankheit des Hunger verstorben ist, ist kaum 
móglich. Im Gegensatz zu Kaiser haben die Pfarrherren 
Hunger als Todesursache erkannt. Johann Baptist Büchel 
hat aus dem Pfarrbuch Bendern 1817 ebenfalls vier Hun- 
gertote notiert. Am 21. Juni starb eine Ursula B. aus 
Schellenberg «auf dem Weg an Entkráftung». Am 5. Au- 
gust 1817 wurde eine Anna M. Tobler aus Gams tot in 
einem Stall aufgefunden. Biichel notierte dazu aus dem 
Pfarrbuch: «Ihre Füße waren hoch aufgeschwollen. Todes- 
ursache: Hunger und Armut, welchen in diesem Jahre sehr 
viele erliegen.»'^ 
An Hunger gestorben sind oft arme, alte Leute, am we- 
nigsten betroffen waren Leute zwischen zwanzig und 
vierzig. Waren Kinder von der Hungersnot stärker be- 
troffen als Erwachsene? Die vorliegenden Daten weisen 
nicht darauf hin. In Vaduz verdreifachte sich von 1816 
auf 1817 die Zahl der verstorbenen «Communicanten» 
(das heisst der Gläubigen über neun Jahre, die zur Kom- 
munion zugelassen wurden), während die Zahl der ver- 
storbenen «Infantes» (Kinder bis neun Jahre) kaum an- 
stieg.!® In Mauren waren immer zwischen 40 und 60 
Prozent der Verstorbenen Kinder, hier haben sich die 
Altersanteile nicht relevant verschoben. 
Notmassnahmen des Oberamts 
Die primäre Zuständigkeit für konkrete Hilfsmassnah- 
men sah man in der ganzen Region in erster Linie bei 
den Gemeinden. Die grosse Mehrheit der ländlichen Ge- 
meinden tat wenig oder nichts zugunsten der Hungern- 
den. Es gab aber auch Gemeinden und vor allem Städte, 
die einen Vorrat an Getreide anlegten, um in Notzeiten 
einen Puffer zu haben. Im Kanton St. Gallen wurden an 
vielen Orten gemeinnützige Hilfsgesellschaften gegrün- 
det, die Spenden sammelten, um die Notleidenden un- 
terstützen zu kónnen.!5 Die Kirchen hingegen waren 
kaum in der Armenunterstützung tátig. Im Folgenden 
  
400 
300 
200 
100 
0 
-100 
-200 
& £8 5 
S SN ES EN 
co c c = 
— Geburten — Todesfälle 
1799 
1800 
1801 
1802 
1803 
1804 
1805 
1806 
Geburtenüberschuss/-defizit 
  
Grafik 8: Geburten und Tote in Liechtenstein (absolute Zahlen) 
  
1807 
1808 
1809 
1810 
1812 
1813 
1814 
1815 
1816 
1817 
1818 
1819 
1820 
1811 
  
  
28 
Vogt Paul: Hungerjahre in Liechtenstein
	        

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