Volltext: Jahrbuch (2017) (116)

schienenem ausgezeichnetem Grundlagenwerk «Kriegs- 
zeit. Liechtenstein 1939 bis 1945» ist die NS-Vergangen- 
heit von Martin Hilti sozusagen Teil der «offiziellen» 
Geschichtsschreibung. Mit der nachfolgend vorgestell- 
ten, 2017 erschienenen Forschungsarbeit des aus Hohen- 
ems stammenden Politikwissenschaftlers Franco Ruault 
ist der Thematik sogar erstmals eine eigene Monogra- 
phie gewidmet. 
Früher Zugang zum Nationalsozialismus 
Martin Hilti geriet schon als Jugendlicher in Konflikt mit 
aus seiner Sicht «überkommenen Autoritäten». So 
musste er 1930 das Jesuitenkolleg Stella Matutina in 
Feldkirch verlassen. Bereits als Fünfzehnjähriger verlor 
er seine Mutter, nur fünf Jahre später seinen Vater. Ohne 
elterliche Bindungen fehlte ihm ein «Korrektiv». 1933 
nahm Hilti das Studium der angewandten Mathematik 
und der Vermessungstechnik in Graz auf. Dort kam er 
erstmals mit dem Nationalsozialismus in Berührung. 
Noch im selben Jahr schloss er sich dem neugegründeten 
«Liechtensteiner Heimatdienst» an. Vorerst trat er poli- 
tisch zwar nicht in Erscheinung, war aber bereits damals 
überzeugter Nationalsozialist. Unter dem Eindruck von 
Rückständigkeit und Armut in Liechtenstein sah Hilti 
für sich keine Zukunft im Land: Ab 1937 wirkte er als 
Dozent für Mathematik an der Ingenieurschule in Wis- 
mar. Zugleich hatte er eine Anstellung als Ingenieur in 
Zwickau inne. Mit dem Ausbruch des Zweiten Welt- 
kriegs jedoch musste er als Ausländer Deutschland Ende 
1939 verlassen und nach Liechtenstein zurückkehren. 
Hilti inszenierte sich im «Ländle» als Sprachrohr der 
Aufsässigen und Aufmüpfigen im Kampf gegen die alte 
Ordnung sowie gegen die Zwänge des Althergebrachten 
und als Verfechter von Fortschritt und Zukunftsdenken. 
Dies bescherte ihm Zulauf von der jungen Generation, so 
wie sich auch der Nationalsozialismus als Bewegung der 
Jugend verstand. Ein längerer Exkurs widmet sich Carl 
Freiherr von Vogelsang, der sich vom Vertreter der Ju- 
gendbewegung zum Mitbegründer des Liechtensteiner 
Heimatdienstes und überzeugten Nationalsozialisten 
wandelte. Vogelsang stand in Kontakt mit Julius Strei- 
cher und schrieb für dessen Hetzblatt «Der Stürmer» — 
für Hilti und sein späteres publizistisches Wirken wurde 
er zum Vorbild. 
Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 116, 2017 
«Der Umbruch» - ein antisemitisches Hetzblatt 
im Stil des «Stürmer» 
Unter dem Eindruck der deutschen Siege kam es im Juni 
1940 zum Wiedererwachen der 1938 gegründeten, seit ei- 
nem gescheiterten «Putschversuch» im Márz 1939 weit- 
gehend lahmgelegten «Volksdeutschen Bewegung Liech- 
tenstein» (VDBL) unter neuer Führung. Hauptziel war 
der politische «Anschluss» ans Deutsche Reich, wenn 
auch vordergründig «nur» von einem «Wirtschafts-An- 
schluss» die Rede war. Im Oktober 1940 entstand «Der 
Umbruch» als Organ der VDBL nach dem Vorbild des 
berüchtigten NS-Hetzblatts «Der Stürmer» von Julius 
Streicher - die Schriftleitung lag bis Februar 1943 (gemáss 
Geiger bis Ende 1942) bei Martin Hilti. Landesführer der 
VDBL war offiziell Alfons Goop, das «geistige Haupt» 
aber Martin Hilti. Goop scheint die effektive Leitung der 
Bewegung im Sommer 1941 an Hilti übergeben zu haben. 
Ruault beurteilt Hilti denn auch als eigentlichen «Führer 
der Liechtensteiner Nazis» und nicht «nur» als deren 
«zweiten Mann» (der er formell war) wie Geiger. 
Bis Frühjahr 1941 richtete sich der «Umbruch» vor al- 
lem gegen die beiden etablierten politischen Parteien 
und gegen die Geistlichkeit, was sich als kontraproduk- 
tiv erwies und der Bewegung keine neue Gefolgschaft 
zuführte. Ab diesem Zeitpunkt fokussierte sich das Blatt 
stárker auf die antijüdische Agitation — auch diese wurde 
als Generationenkonflikt inszeniert, indem «junge 
Kráfte» gegen Reprásentanten des «Alten» und «Über- 
kommenen»> antraten: Gemäss dieser Optik standen die 
Juden der «neuen Zeit» im Weg. Selbst die katholisch ge- 
prägten Pfadfinder (denen ein eigener Exkurs gewidmet 
ist) wurden als Instrument der Juden verunglimpft, weil 
sie sich klar von der «Volksdeutschen Jugend» der VDBL 
abgrenzten. Hilti propagierte zunehmend nicht nur die 
Ausweisung, sondern auch die Vernichtung der Juden. 
Ruault schildert konkrete Einzelfálle von jüdischen Be- 
wohnern und Flüchtlingen in Liechtenstein, gegen die 
sich Hiltis verbale und publizistische Hetze richtete, so 
etwa Beschimpfungen als «Saujud» oder die Herabwür- 
digung als «Nichtstuer» und «Parasiten». 
Hilti versuchte — wie sein Vorbild «Der Stürmer» — eine 
unsichtbare, unüberwindliche Mauer zwischen Juden 
und Nichtjuden zu errichten, etwa mit einer Kampagne 
gegen Liechtensteiner Juden, welche angeblich Spionage 
für die Alliierten betrieben haben sollen. Auch das Stereo- 
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